Skip to main content
Leserbrief

Modelle und Realität



Zum Leserbrief „Die Windatlas-Zahlen werden in Argenbühl bei weitem nicht erreicht” (DBSZ am 17. Februar)

Wie belastbar sind die Grundlagen, auf denen wir Milliardeninvestitionen, Landschaftseingriffe und jahrzehntelange Verträge aufbauen?

Entlang der Landesgrenze zwischen Bayern und Baden-Württemberg zeigt sich ein bemerkenswertes Phänomen. Zwei amtliche Windatlanten, beide mit hohem wissenschaftlichem Anspruch erstellt, kommen im Abstand weniger hundert Meter teils zu deutlich unterschiedlichen Ergebnissen. Auf der einen Seite werden Windgeschwindigkeiten ausgewiesen, die einen Standort attraktiv erscheinen lassen. Wenige Schritte weiter, jenseits einer Verwaltungsgrenze, sinken die Werte spürbar.

Die Atmosphäre selbst kennt diese Grenze nicht. Der Wind beschleunigt nicht, nur weil ein anderes Landesministerium zuständig ist.

Messdaten des Deutschen Wetterdienstes zeigen keine sprunghaften Veränderungen beim Grenzübertritt. Das reale Strömungsfeld bleibt kontinuierlich. Unterschiede entstehen erst in der Modellierung – also dort, wo Simulation, Parametrisierung und Annahmen ins Spiel kommen.

Das ist kein Skandal. Modelle sind notwendige Werkzeuge. Aber Modelle sind keine Wirklichkeit. Sie enthalten Unsicherheiten, systematische Effekte und methodische Entscheidungen. Wer sie nutzt, muss diese Unsicherheiten mitdenken.

In Argenbühl wird nun sichtbar, was passiert, wenn Prognose und Realität auseinanderlaufen. Anlagen liefern weniger als erwartet. Diskussionen beginnen. Zweifel wachsen.

War das vermeidbar?

Ja – zumindest teilweise.

Wer wirtschaftlich kalkuliert, sollte nicht vom bestmöglichen Szenario ausgehen, sondern vom robusten. Gerade in windschwächeren Regionen entscheidet nicht der optimistische Mittelwert, sondern die Frage, ob ein Projekt auch unter konservativen Annahmen trägt. Windenergie folgt der dritten Potenz der Geschwindigkeit. Ein scheinbar kleiner Unterschied von einem Meter pro Sekunde kann erhebliche Auswirkungen auf Ertrag und Amortisation haben.

Gleichzeitig wird häufig argumentiert, dass moderne Fördermechanismen und Marktprämien selbst weniger windstarke Standorte wirtschaftlich absichern. Das stimmt. Doch Subventionierung ersetzt keine physikalische Realität. Sie verschiebt lediglich das wirtschaftliche Risiko – sie beseitigt es nicht. Wenn die Strommenge geringer ausfällt, bleibt die Differenz im System. Entweder im Betreiberergebnis, im Fördersystem oder indirekt beim Verbraucher.

Ein zweiter Aspekt wird noch seltener offen angesprochen: der Rückbau. Windenergieanlagen sind technische Bauwerke mit einer Lebensdauer von zwei bis drei Jahrzehnten. Für den Rückbau sind Sicherheiten vorgesehen. Doch diese Sicherheiten basieren auf heutigen Kostenschätzungen. Entsorgungs-, Transport- und Baukosten steigen. Inflationsanpassungen sind nicht überall systematisch geregelt. Gerät ein Betreiber wirtschaftlich unter Druck oder fällt aus, verschiebt sich das Risiko. Und dann stellt sich nicht die Frage, ob Rückbau vorgesehen ist, sondern wer ihn tatsächlich finanziert.

Flächeneigentümer sollten sich deshalb nicht allein von Pachtversprechen leiten lassen. Sie sollten prüfen, wie belastbar die hinterlegten Sicherheiten wirklich sind, wie Insolvenzfälle geregelt sind und ob die Summen in zwanzig oder dreißig Jahren noch ausreichen können. Ein Vertrag ist kein symbolischer Akt, sondern eine langfristige wirtschaftliche Entscheidung.

Die Energiewende braucht Akzeptanz. Akzeptanz entsteht nicht durch Hochglanzprognosen, sondern durch Transparenz und Realismus.

Wenn Modelle zu optimistisch sind, verlieren nicht nur einzelne Projekte an Glaubwürdigkeit. Es leidet das Vertrauen insgesamt.

Vielleicht ist Argenbühl deshalb weniger ein Einzelfall als ein Lehrstück: Große Transformationsprozesse brauchen nicht nur politischen Willen und technische Lösungen. Sie brauchen saubere Datengrundlagen, ehrliche Risikoanalysen und den Mut, Unsicherheiten offen zu benennen.

Unsere Entscheidungen sollten nüchterner sein als unsere Hoffnungen.
Christian Fitz, Bad Wurzach-Mauchenmühle

Anm. d. DBSZ-Red.: Leserbriefe sind Meinungsäußerungen. Die Redaktion der Bildschirmzeitung akzeptiert ein breites Spektrum an Meinungen. Nicht veröffentlich werden extremistische, persönlichkeitsverletzende oder offensichtlich wahrheitswidrige Äußerungen.

Bevorzugt veröffentlichen wir Leserbriefe zu lokalen und regionalen Themen. Aber auch Meinungsäußerungen zu allgemeinen Themen, die die hiesige Leserschaft bewegen, werden gerne entgegengenommen.




NEUESTE BEITRÄGE

Bad Waldsee
Hast Du Lust mit uns zu singen?

Der Männerchor Haisterkirch sucht Mitsänger für Projektchor

Haisterkirch – Auch für dieses Jahr ist der Männerchor Haisterkirch wieder in den Planungen für einen Sängerabend am Samstag, 27. Juni. Zum Konzert soll, wie bereits in den vergangenen Jahren, ein Projektchor mitwirken.
Tag der offenen Tür am 21. März: jetzt ein Blasinstrument lernen!

Jugendmusikschule Bad Waldsee bietet neue Einstiegsmöglichkeiten

Bad Waldsee – Zum Halbjahreswechsel am 1. April bietet die Jugendmusikschule Bad Waldsee e.V. wieder neue Einstiegsmöglichkeiten in den Instrumentalunterricht an. Besonders gesucht sind junge Musikerinnen und Musiker, die ein Blasinstrument erlernen möchten. Blasinstrumente bilden die Grundlage vieler Musikgruppen, Ensembles und Orchester. Ohne Trompeten, Hörner oder Posaunen ist ein vollständiges Zusammenspiel kaum möglich. Deshalb möchte die Jugendmusikschule gezielt Kinder und Jugendliche …
Sonntag, 15. März, 10.30 Uhr

Kirchengemeinde St. Peter hat Gemeindeversammlung

Bad Waldsee – Das Thema „Fusion von Kirchengemeinden zu Raumschaften“ treibt viele Gläubige um. Wie wird die seelsorgerliche Versorgung künftig vonstatten gehen? Auch der „Gebäudeprozess“ ist ein Thema, das vielen unter den Nägeln brennt. Die Kirche muss sich aufgrund schwindender Mitgliedzahlen und abnehmender finanzieller Ressourcen von einem Teil ihrer nichtsakralen Gebäude trennen. Um diese Fragen geht es bei der Gemeindeversammlung der Kirchengemeinde St. Peter am Sonntag, 15. März, um 1…
Daniel Lämmle und Thomas Högg

Zwei Stadtjäger für Bad Waldsee

Bad Waldsee – Die Stadt Bad Waldsee hat früh erkannt, dass Begegnungen zwischen Mensch und Wildtier im urbanen Raum (Siedlungs- und Wohnbereich) zunehmen und neue Lösungsansätze erfordern. Statt erst bei akuten Problemen zu reagieren, haben sich die Verantwortlichen der Stadt rechtzeitig mit der Thematik des urbanen Wildtiermanagements (Umgang mit Wildtieren in der Stadt und im Wohngebiet) auseinandergesetzt und ein strukturiertes Angebot geschaffen.
Landtagswahl

Die Ergebnisse der Ortschaften 

Bad Waldsee (rei) – Die Bildschirmzeitung „Der Waldseer” veröffentlicht nachstehend die Ergebnisse der Landtagswahl in den Ortschaften.  Wahlkreissieger Raimund Haser (CDU) hat sein bestes Ergebnis mit 59,0 Prozent in Mittelurbach (zum Vergleich: im Wahlkreis Wangen-Illertal 43,7 Prozent). In Mittelurbach kam die CDU auch bei den Zweitstimmen mit 48,3 Prozent auf ihr bestes Ergebnis (zum Vergleich: im Wahlkreis 36,5 Prozent; im Land 29,7 Prozent).  Petra Krebs von den Grünen erhie…
ANZEIGE

MEISTGELESEN

Bad Waldsee
Wird auf dem Gelände des Fürstlichen Golf- und Natur-Resorts ausgetragen  

Die WM 2027 im 3D-Bogenschießen kommt nach Bad Waldsee

Bad Waldsee – Der Deutsche Feldbogen-Sportverband (DFBV) erhielt den Zuschlag zur Ausrichtung der World Bowhunter Championships. Die jüngste Weltmeisterschaft hatte vergangenen April in Johannesburg (Südafrika) stattgefunden. Die nächste WM wird im Oktober 2027 auf dem Gelände des Fürstlichen Golf- und Natur-Resorts Bad Waldsee ausgetragen. Etwa 1200 Bogensportler aus 45 Ländern und sieben Kontinenten werden auf sechs Parcours um Medaillen kämpfen. Am 5. August lud Geschäftsführer Sascha M. B…
Interview mit Carina Wachter

Neue Dirigentin des Musikvereins Reute-Gaisbeuren

Reute-Gaisbeuren – Das Jahr 2024 ist für den Musikverein Reute-Gaisbeuren ein Jahr der großen Veränderungen. Neben dem kompletten Wechsel der Vorstandsspitze, den weitreichenden Planungen und dem baldigen Start des Neubaus dirigierte dann auch noch Erich Steiner, passend zum Beginn seines Ruhestandsin diesem Jahr, am Ostersonntag sein letztes Jahreskonzert in Reute. So suchte der Musikverein seit Februar einen neuen Dirigenten bzw Dirigentin. Und wurde fündig. Für die Bildschirmzeitung “Der W…
Ein persönlicher Nachruf auf Manfred Thierer

Er war mein Lehrer

Am 20. Juni 2024 starb Prof. Dr. Manfred Thierer. Er wurde 82 Jahre alt. Gerhard Reischmann, Jahrgang 1958, kannte ihn länger als ein halbes Jahrhundert. Ein ganz persönlicher Nachruf:
Kirchengemeinde Molpertshaus

Christian Lerch als Mesner verabschiedet

Molpertshaus – Mit 75 Jahren hat Christian Lerch nun seinen Dienst als Mesner an der Pfarrkirche St. Katharina in Molpertshaus beendet. Nachfolger ist Roman Linder. Kirchengemeinderat Günter Brutscher würdigt hier im “Waldseer” die Arbeit des Scheidenden:
mit Bildergalerie
veröffentlicht am 3. Oktober 2024
Leiterin der Sprachheilschule Arnach verabschiedet

Ein Hoch auf Heidi Doubek

Arnach – Mit einer fulminanten Feier verabschiedete sich die Schulgemeinschaft der Sprachheilschule Arnach, die Geschäftsführung des Hör-Sprachzentrums der Zieglerschen, Bürgermeisterin Alexandra Scherer, Schulrat Steffen Rooschütz, Andrea Müller vom Landkreis Ravensburg und Schulleiterkollege André Radke von der langjährigen Schulleiterin Heidi Doubek. Gleichzeitig wurde das neue Schulleiterteam, bestehend aus Iris Kunzendorf und Sandra Weder, herzlich begrüßt.

TOP-THEMEN

Bad Waldsee
Haisterkirch / Osterhofen – Am 19. Februar 2025 gründete sich die Bürgerrunde Haistergau mit diesem, von ihr so formu…
Ulm / Bad Waldsee – Mehr Zeit für die Bildung der neuen Groß-Pfarreien war eine Forderung beim Austausch zum diözesan…
Bad Waldsee – Der 73. Begegnungstag der Landfrauen fand unter dem Motto statt: „Steh auf, fass Mut und handle“. Wie i…

Einzelhandel, Dienstleistungen und Handwerk in Allgäu-Oberschwaben

VERANSTALTUNGEN

Bad Waldsee