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Das Publikum in Füramoos war begeistert von der frischen Interpretation von Christoph Martin Wielands bekanntem Märchen durch das Theater ohne Namen.Foto: Roland Reck

Biberach – Ambitioniert spielt das „Theater ohne Namen“ ein Märchen des wortgewandten Biberacher Autors Christoph Martin Wieland (1733 – 1813). Die Hauptrolle, Prinz Biribinker, spielt ein junger Syrer, Mohamad Khallouf. Eine märchenhafte Geschichte über Kultur und Integration.

In Hamburg und in Berlin hat das Theater ohne Namen schon gespielt und zuletzt in Füramoos. Der 690-Einwohner-Ort, Teilort von Eberhardzell im Landkreis Biberach, ist nicht gerade Kulturhauptstadt Oberschwabens. Aber immerhin bespielt die Theatergruppe Füramoos e.V. seit Jahren den Theatersaal im traditionsreichen Gasthaus Rössle. Und Tradition hat auch, dass das Biberacher „Theater ohne Namen“ dort bei Speis’ und Trank auftritt. Dieses von Peter Schmid vor drei Jahrzehnten gegründete und bis heute von ihm geleitete Ensemble sorgte zuletzt Ende November für fünf restlos ausverkaufte Aufführungen. Und zwar mit einem Feenmärchen, das Christoph Martin Wieland 1764 in Biberach geschrieben hat: Prinz Biribinker.

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Es gilt übrigens als das erste deutsche Kunstmärchen, also keines der traditionellen Volksmärchen, wie sie wenig später von den Brüdern Grimm gesammelt wurden. Die insgesamt über 700 Zuschauer in Füramoos waren begeistert von den Dialogen, den Kostümen, den Tanz-Szenen, der Musik und den Darstellenden im Alter von vier bis 77 Jahren. Und ganz besonders vom Hauptdarsteller, einem Fünfundzwanzigjährigen, dem als Kind ganz bestimmt keine deutschen Märchen vorgelesen wurden. Mohamad Khallouf wurde nämlich im syrischen Aleppo geboren und kam mit seinen Brüdern vor zehn Jahren nach Deutschland. Merkels „Wir schaffen das“, machte es möglich.

Mohamad Khallouf überzeugt in der Hauptrolle als Prinz Biribinker.

Wir sind schon ein bisschen Kult  

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Der einst vor Assads Terror Geflüchtete spielt erst seit kurzem beim „Theater ohne Namen“. Dem mittlerweile im Ruhestand befindlichen Psychotherapeuten Schmid, der sich als dramaturgischer Autodidakt bezeichnet, liegt auch nach über dreißig Jahren vor allem am Herzen, dass sein Ensemble unbekümmert und experimentierfreudig agiert. In diesem Jahr sind 20 Erwachsene und fünf Kinder dabei sowie zwei Musiker. Die Tanzpädagogin Barbara Clarke, zeitweise in New York tätig, choreografierte die Tanzszenen. Spielfreudige Mädchen und Frauen zu finden sei nicht schwer, erzählt Schmid, junge Männer jedoch halten sich bedeckt. Dankbar griff Schmid den Hinweis der Jugendkunstschulleiterin Susanne Maier auf. Dort hatte Khallouf vor 2019 in kleineren Rollen bei zwei Stücken mitgespielt. 

Schmid ermutigte Khallouf, der derzeit als Produktionshelfer arbeitet, aber gerne einen technischen Beruf oder einen in der IT ergreifen möchte, bei „Theater ohne Namen“ mitzuspielen. „Nach nur zwei Monaten Probe ist er unser Prinz aus dem Morgenland“, freut sich der Spielleiter. „Ich war erschrocken, als ich den ganzen Text gelesen und wenig verstanden habe“, formuliert Khallouf druckreif beim Treffen in Schmids Wohnung. „Tatsächlich habe ich an meinen Deutschkenntnissen gezweifelt.“ Doch er hält durch und spielt den jugendlichen Prinzen. Der, „als sich ein gewisser Instinct bey ihm regte“, wie Wieland formuliert, in die Welt hinauszieht und sich über beide Ohren in ein Milchmädchen mit himmelblauen Ziegen verliebt. 

Es bedarf vieler Worte, bevor die frivole Geschichte ein gutes Ende findet. Auf die Frage, wie er so gut Deutsch gelernt hat, meint Khallouf, der die neunte und zehnte Klasse in Deutschland absolviert hat: „Aus verschiedenen Quellen. Youtube Videos und Hörbücher beispielsweise waren mir eine große Hilfe. Ich finde die deutsche Sprache sehr schön und hatte auch jetzt bei den Proben Freude am Lernen.“ Ob er nicht manchmal seine Zusage ein wenig verflucht habe? „Nein, ich konnte nur neben der Arbeit nicht mehr regelmäßig zum Sport gehen. Wenn ich Theater spiele, will ich hundert Prozent Gas geben, das kostet Kraft.“ Er genießt es, neue Kontakte zu knüpfen und empfindet „die Akzeptanz der Mitspieler als gutes Zeichen.“ Und lobt: „Sie sind alle sehr sympathisch. Bei den Zuschauern habe ich nur freundliche Gesichter gesehen und ein tolles Feedback von ihnen bekommen.“ Überhaupt habe er in Biberach wenig Rassismus erfahren. Anders als Frauen mit Kopftuch oder Menschen mit schwarzer Haut, wie er beobachtet. Schmid ergänzt, auch er habe kein kritisches Wort von außen bezüglich der Besetzung bekommen. Das hätte ihn bei dem weltoffenen, treuen Publikum auch gewundert: „Wir sind schon ein bisschen Kult.“

Zu viele Proben hemme die Spielfreude und Spontanität der Truppe, findet Schmid: „Wenn man zu oft probt, kann es zu technisch werden.“ Khallouf ist begeistert, dass „Peter den Mut hatte, mir die Hauptrolle zu geben.“ Integration bedeutet wohl generell in vielen Bereichen nicht zuletzt viel Arbeit. Mohamad  kann man nur bewundern, wie er Freude daran findet, deutschen Zuschauern ihre Klassiker näher zu bringen. Wieland meets Mohamad. Applaus! 

Massenhafte Rückkehr wäre eine enorme Belastung

BLIX sprach mit Mohamad Khallouf auch über die aktuelle Situation in seiner syrischen Heimat und seiner Heimatstadt Aleppo, die nach wie vor stark zerstört ist.

Die Großstadt Aleppo im Norden Syriens ist noch immer stark zerstört. Foto: Basma

Herr Khallouf, Sie sind vor zehn Jahren aus Aleppo nach Deutschland geflohen. Wie sieht es heute in Aleppo aus?

Nach zehn Jahren Krieg ist Aleppo nicht mehr mit der Stadt von früher zu vergleichen. Große Teile der Infrastruktur funktionieren weiterhin nur eingeschränkt oder gar nicht. Zwar hat sich die Stadt langsam vom Krieg erholt, doch dieser Wiederaufbauprozess wird noch viel Zeit in Anspruch nehmen, bis Aleppo wieder wirklich lebt und funktioniert – sei es wie früher oder sogar besser.

Im Dezember 2024 wurde das Regime von Diktator Assad gestürzt. Wie schätzen Sie heute die politische Situation in Ihrer Heimat ein?

Auf politischer Ebene hat sich die Lage meiner Meinung nach deutlich verbessert, insbesondere seit dem Sturz des Assad-Regimes. Man erkennt viele Entwicklungen, die in eine positive Richtung gehen. Der Staat zeigt heute sichtbarer, dass er arbeitet und Verantwortung übernimmt. Ein wichtiges Zeichen dafür ist beispielsweise die Aufhebung der Sanktionen gegen Syrien. Auch das Verhältnis zwischen Staat und Bürgern ist spürbar menschlicher geworden. Früher herrschte große Angst vor dem alten Regime; Meinungsfreiheit war damals ein Luxus. Heute gilt sie als grundlegendes Recht. Die Menschen können den Staat offen kritisieren, wenn etwas nicht funktioniert. Aktuell ist zu beobachten, dass viele Bürger die weiterhin hohen Preise, die schwache Wirtschaft und den Mangel an Arbeitsplätzen offen ansprechen.

Nach 14 Jahren Bürgerkrieg sind große Teile des Landes zerstört. Derzeit wird in Deutschland diskutiert, ob Geflüchtete nicht in großer Zahl nach Syrien zurückkehren sollen. Ist das realistisch?

Trotz dieser positiven Entwicklungen ist Syrien derzeit definitiv nicht bereit, eine große Zahl von Rückkehrern aufzunehmen. Viele Städte sind stark zerstört, zahlreiche Menschen haben ihr Zuhause verloren, und in weiten Teilen des Landes ist die Infrastruktur weiterhin beschädigt. Zudem gibt es aktuell nur sehr wenige Arbeitsmöglichkeiten. 

Sollten viele Menschen gleichzeitig zurückkehren, würde das eine enorme Belastung für ein Land darstellen, das sich gerade erst langsam vom Krieg erholt. Darüber hinaus hätte eine massenhafte Rückkehr auch Auswirkungen auf die Aufnahmeländer, insbesondere auf Deutschland. Viele der in Deutschland lebenden Syrer sind gut integriert, berufstätig oder befinden sich in Ausbildung und arbeiten in wichtigen Bereichen wie Medizin, Pflege, Industrie oder Dienstleistung. Wenn viele dieser Menschen gleichzeitig zurückkehren würden, könnte es in Deutschland zu einem spürbaren Mangel an Fachkräften kommen, was die ohnehin angespannte Situation auf dem Arbeitsmarkt weiter verschärfen würde. Somit hätte eine unkoordinierte Rückkehr nicht nur Folgen für Syrien, sondern auch für Länder wie Deutschland, die derzeit stark von der Arbeitskraft und dem Engagement dieser Menschen profitieren.

Autorin: Andrea Reck



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