Skip to main content
Michael Roth (links) und Rolf Mützenich kamen auf Einladung des SPD-Bundestagsabgeordneten Martin Gerster nach Biberach. Der Fraktionsvorsitzende Mützenich kam als Geburtstagsgast und sprach wie vier Tage später der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses Roth auch über „Krieg und Frieden“. Ihre Positionen unterscheiden sich. Fotos: Roland Reck

Biberach – Lew Tolstois monumentales Werk „Krieg und Frieden“ über Napoleons Eroberungskrieg in Russland war gerade erst erschienen (1868/69), da marschierten ein Jahr später deutsche Truppen in Frankreich ein, um als Sieger in Versailles Wilhelm I. zum deutschen Kaiser zu proklamieren (18. Jan. 1871). Von nun an war auch das Königreich Württemberg Teil des Deutschen Reiches, und in Biberach gründete 1874 ein Schneidergesell’ mit einem Dutzend unerschrockener Männer einen Ortsverband und waren damit Speerspitze der SPD, die sich erst ein Jahr später in Gotha als deutschlandweite Partei zusammenschloss. Ein guter Grund, um 150 Jahre SPD in Biberach zu feiern. Es sei wahrlich keine einfache Geschichte, begrüßte Martin Gerster mit Stolz die Geburtstagsgesellschaft.

Mit Martin Gerster (53) hat die Biberacher SPD schon seit 2005 einen Bundestagsabgeordneten, der als Mitglied des Haushaltsausschusses über sehr gute und offensichtlich auch freundschaftliche Beziehungen zu vielen seiner Berliner Parteigenossen verfügt. So kam kein Geringerer als der SPD-Fraktionsvorsitzender Rolf Mützenich als Gratulant an die Riss, um zu loben und zu begeistern. Applaus erhielt der Rheinländer im Biberacher „Schützenkeller“ für seine in den Tagen zuvor viel kritisierte Anmerkung zum „Einfrieren“ des Krieges in der Ukraine. Darüber sprach auch Michael Roth, der zweite Gast, der auf Einladung von Gerster nur wenige Tage nach der Geburtstagsfeier aus Berlin angereist kam, um über „Frieden und Sicherheit in Europa und der Welt“ zu reden. On top geschah zwischen den Besuchen der beiden Genossen auch noch der Angriff des Iran auf Israel.

ANZEIGE

Michael Roth ist Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses und einer der profiliertesten Außenpolitiker der SPD und vertrat im Forum der Volksbank in Biberach die Kontraposition zu Mützenich. Der Hesse hält „einfrieren“ für brandgefährlich und fordert stattdessen viel mehr und schneller Waffen für die Ukraine sowie eine viel schärfere Sanktionierung des Iran von Seiten der Europäischen Union. Für die Ukraine gelte: nur der Sieg der Ukraine führe zum Frieden und zur Sicherheit von ganz Europa. Man habe früher auf Diplomatie und Scheckbuch gesetzt, um gute Beziehungen zu haben, erklärt der 53-Jährige, „jetzt sage ich: Frieden schaffen mit Waffen“, bekundete der ehemalige Zivildienstleistende.

„Krieg und Frieden“ beschäftigt wahrlich nicht nur die SPD, aber die Partei des Friedensnobelpreisträgers Willy Brandt ganz besonders. Brandt erhielt 1971 als Bundeskanzler für seine Versöhnungspolitik zwischen Ost und West den Osloer Friedenspreis. Der Mauerfall im November 1989 schien die Krönung dieser Annäherung zu sein. Roth, der in Nordhessen im Kreis Bad Hersfeld am „Eisernen Vorhang“ groß geworden ist, bezeichnet sich als „1989er“ mit all den Hoffnungen, die mit dieser weltgeschichtlichen Zäsur einhergingen. Bitter enttäuscht, warnt er 35 Jahre später vor Zugeständnissen an Putin und dessen imperialistischen Ambitionen und verfolgt die abwägende Haltung seines Bundeskanzlers Olaf Scholz zu Waffenlieferungen an die Ukraine kritisch. Während sein Fraktionsvorsitzender Rolf Mützenich im Biberacher Schützenkeller erklärt: Waffen reichten nicht aus, um einen Krieg zu beenden, „man muss nicht nur darüber sprechen, wie man einen Krieg führt, sondern auch wie man ihn beendet“. „Wenn wir darüber nicht nachdenken, wird es ein endloser Krieg“, erklärt der 64-Jährige, der einst bei dem aus Biberach stammenden Friedensforscher Prof. Dieter Senghaas an der Uni Bremen promovierte. „Es gehört auch zur Demokratie, diese Frage zu stellen, ohne die Souveränität der Ukraine in Frage zu stellen“ und „keinen Diktatfrieden“ zu akzeptieren. „Nicht mehr und nicht weniger habe ich im Bundestag gesagt“, unterstreicht der Fraktionsvorsitzende und erhält von den Geburtstagsgästen Beifall.

ANZEIGE

Michael Roth ist mit dem Zug gekommen, acht Stunden Fahrt von Berlin nach Biberach. Es bleibt noch Zeit für einen Salat mit Pizzabrot und einem Gespräch mit BLIX vor seinem Vortrag. Der Mann ist temperamentvoll und eloquent, er weiß, sich in Szene zu setzen und sitzt nicht nur seit 1998 als Direktkandidat im Bundestag, sondern war während der Großen Koalition unter drei SPD-Ministern auch Staatsminister im Auswärtigen Amt, bevor er mit dem Regierungswechsel den Vorsitz im Auswärtigen Ausschuss übernahm. Er hat viel zu erzählen, aber wird offensichtlich fraktionsintern nicht mehr gehört – aber dafür ist er oft genug in Talkshows, so war er auch einen Tag vor seinem Auftritt in Biberach (vor 100 ZuhörerInnen Ü50) bei Maischberger (vor einem Millionenpublikum mit Ü?) als außenpolitischer Experte gefragt. Als er nach dem Überfall Russlands bereits am 12. April 2022 als erster SPD-Abgeordneter gemeinsam mit der FDP-Verteidigungspolitikerin Strack-Zimmermann und dem grünen Bundestagsabgeordneten Anton Hofreiter in die Ukraine reiste, sei er nach seiner Rückkehr von seiner Fraktion nicht um einen Bericht gebeten worden. Das klingt bitter und ist schwer vorstellbar. Ebenso wie die Tatsache, dass über die vom SPD-Verteidigungsminister Pistorius geforderte „Kriegstüchtigkeit“ weder in der Partei von Willy Brandt noch in der Gesellschaft heftig diskutiert wurde. Die Frage des Journalisten, warum eigentlich „Verteidigungsfähigkeit“ nicht ausreiche und was diese „Kriegsrhetorik“ zu bedeuten habe, bleibt unbeantwortet. Roth sieht sich „auf der gleichen Seite der Barrikade“ wie der Verteidigungsminister und weiß um sein Dilemma. Mit seinem Eintreten mache er sich schuldig, erklärt Roth, „denn Waffen töten Menschen“. Aber „auch wenn wir nichts tun, machen wir uns schuldig, denn das gibt noch mehr Opfer.“

Nichts tun, ist keine Option, da sind sich die beiden SPD-Politiker einig. Im Gegenteil! Beide werben vehement dafür, dass sich die Menschen für ihre Werte und ihre Freiheit einsetzen und die Demokratie verteidigen. Rolf Mützenich bringt es auf den Punkt: „Die Wahlen sind frei, aber sie sind nicht ohne Konsequenz.“

Martin Gerster: Deutschland leistet enorm viel

„Ich bin der festen Überzeugung, dass wir die Ukraine in einem Umfang und Ausmaß unterstützen müssen, dass sie sich erfolgreich verteidigen kann. Deutschland leistet hier – auch im internationalen Vergleich – schon enorm viel: Ausrüstung, Luftabwehr, Waffen und Munition und auch viel humanitäre Hilfe – unter anderem auch über das THW. Diskussionen um einzelne Waffensysteme halte ich oft für überzogen und wir müssen darauf achten, dass alle Aktivitäten mit unseren Partnern koordiniert und abgestimmt werden. Sie dürfen wir nicht aus der Verantwortung entlassen.

Natürlich müssen mögliche Gelegenheiten und Zeitfenster genutzt werden für Gespräche und diplomatische Bemühungen. Die Ukraine sollte aber in die Lage versetzt werden, aus einer Position der Stärke und auf Augenhöhe zu verhandeln, dass Putin seinen Krieg beendet und aus der Ukraine abzieht. Hierzu müssen Deutschland und die EU weiter einen wirksamen Beitrag leisten, denn die Ukrainerinnen und Ukrainer wehren den Angriff eines autoritären Regimes ab, das auch unsere Sicherheit und unsere Werte wie Freiheit und Demokratie bedroht und die Sicherheitsarchitektur der letzten mehr als 30 Jahre eingerissen hat. Ich nehme das als einhellige Position der SPD-Fraktion wahr.“

Autor: Roland Reck



NEUESTE BLIX-BEITRÄGE

Editorial BLIX März 2026

Liebe Leserinnen, liebe Leser, vor einem Jahr war die Wahl zum Bundestag. Heraus kam die Schwarz-Rote-Koalition mit Kanzler Merz (CDU) an der Spitze. Sie quält sich über die Runden, hat man den Eindruck. Wenngleich sie mit einem Paukenschlag begann.

„Liebe oberschwäbische Landsleute“

Biberach – Jede Menge Prominenz trat beim 30. Politischen Aschermittwoch der Grünen auf die Bühne. Special Guest war Ex-Außenminister Joschka Fischer, der schon 1996 mit seinem Auftritt in der Biberacher Stadthalle Furore machte.

Was bleibt?

Die Grünen mit ihrem Frontmann Winfried Kretschmann sind dabei, die Sensation perfekt zu machen: an Ostern 2011 verhandeln die Ökos mit den Sozis über einen Koalitionsvertrag, der zur ersten Grün-Roten-Landesregierung in Baden-Württemberg führen wird und beendet damit die unendlich scheinende Nachkriegsära der CDU. Heute wissen wir, dass damit die Ära von Winfried Kretschmann und seinen Grünen begann. 15 Jahre und damit länger als jeder seiner Amtsvorgänger regierte der grüne Realo völlig ska…

Wahl im Umbruch

Wenn in Baden‑Württemberg am 8. März ein neuer Landtag gewählt wird, entscheidet sich mehr als nur die politische Richtung der kommenden fünf Jahre. Es ist die erste Wahl nach einer umfassenden Reform des Landeswahlrechts – ein Systemwechsel, der das politische Gefüge im Südwesten spürbar verändern dürfte.

Wald in Frauenhänden

Kreis Biberach – Der Wald ist für viele ein Sehnsuchtsort mit vielen Ansprüchen, das bringt auch Konflikte mit sich. Beispielhaft im Altdorfer Wald, wo ökonomische Interessen mit ökologischem Schutz kollidieren, wo es neben Kiesabbau auch um Windkraft geht, wo es um Wasser- und Klimaschutz geht. BLIX hat schon häufig darüber berichtet, weil Wald ein Gradmesser für das Befinden von Natur und Umwelt und damit existenziell wichtig ist. Frauen sind die Hälfte, nicht so in der Forstwirtschaft, dor…

Drei gegen einen

Ravensburg – Vier Bewerber dürfen offiziell für das Oberbürger­meisteramt in Ravensburg kandidieren. Der Gemeindewahlausschuss hat für die Wahl am Sonntag, 8. März, die Bewerber Daniel Rapp, Roman Urban, Umut Bulut und Samuel Bosch zugelassen. Wahlberechtigt sind am Sonntag, 8. März, rund 39.000 RavensburgerInnen. Gewählt ist, wer mehr als die Hälfte der gültigen abgegebenen Stimmen auf sich vereinigen kann. Sollte dies keinem Bewerber gelingen, wird am 22. März erneut gewählt. Auf den Stimmz…

Nicht jammern

Aulendorf – Aufbruch statt Resignation war die Haltung  der Teilnehmenden einer „Post-Biosphärenkonferenz“, die auf Einladung des BUND am 7. Februar in Aulendorf stattfand. Der Kreis, rund 30 Personen, bestand aus „einer Koalition der Willigen“ aus dem gescheiterten Biosphärenprozess, erklärten Martin Bachhofer, Landesgeschäftsführer des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, und Maike Hauser, Regionalgeschäftsführerin BUND Bodensee-Oberschwaben, bei der abschließenden Pressekonferenz.

Mit Freude am Schaffen

Riedlingen/Ehingen – Rebecca Harnau erzählt begeistert von ihrer Kindheit auf dem Land, geprägt von Familie und Freunden, vom Heimwerken und der Hobby-Landwirtschaft mit familieneigenem Traktor. 2022 folgte das Abitur am Kreisgymnasium Riedlingen mit sprachlichem Profil, Spanisch – nicht etwa Naturwissenschaft und Technik. Das erstaunt, denn die Riedlingerin wurde im Dezember 2025 zur besten Industriemechanikerin Deutschlands gekürt. Grund genug, die 23-Jährige an ihrem Arbeitsplatz bei Liebh…

„Da ist Leben in der Bude“

Ulm – Das kleine Naturmuseum Ulm und das große Museum Ulm wachsen zusammen. Hochmotivierte Teams wollen noch mehr Menschen jeden Alters Natur erlebbar machen. 

Göttinnen-Dämmerung im Kloster

Bad Schussenried – Aus ihrem reichen Fundus zeigt die Sammlerin Hansi Schmehle-Knöpfler Frauenfiguren und weibliche Darstellungen aus vielen Epochen. Und sie erläutert in der Sonderausstellung, wie Rollenbilder sich geändert haben. 

Musik für alle

Biberach – Unbestritten: Musizieren aktiviert das Gehirn, fördert die Koordination und schafft Gemeinschaft. Dies gilt auch für Menschen mit Behinderung. Für sie ist in Musikgruppen und Vereinen aber meist kein Platz, es bedarf spezieller Angebote. Ganz besonders, wenn sie dem Schulalter entwachsen sind. 

Schneiden und säen im Frühjahr

Der Gehölzschnitt sollte erledigt sein, schon damit brütende Vögel nicht gestört werden. Doch die alte Faustregel gilt noch: Sobald die Forsythien ihre gelben Blüten zeigen, können die Rosen geschnitten werden. Was wiederum nicht so einfach ist. Verlangen doch Beetrosen einen anderen Schnitt als Kletterrosen oder Strauchrosen. Auch Rosensorten, die nur einmal im Jahr blühen, werden anders geschnitten als solche, die mehrmals blühen.

Achtsam sein

Wie oft sind wir wirklich voll und ganz im Moment? Nehmen bewusst wahr, was gerade um uns herum ist, ohne schon in Gedanken bei der nächsten Aufgabe zu sein? Und brauchen wir dafür die Hilfe der Künstlichen Intelligenz?

Kaffeeklatsch mit Künstlicher Intelligenz

Bücher für Senioren wecken gerne sentimentale Erinnerungen an alte Zeiten. Manche ermutigen aber auch, sich mit der Zukunft auseinanderzusetzen.

Riedlingen is(s)t gesund

Riedlingen – In der Donaustadt dreht sich vom 9. bis 15. März alles um die Gesundheit. Unter dem Motto „Riedlingen is(s)t gesund – Gesund leben, lecker genießen!“ steht die Stadt ganz im Zeichen von Ernährung, Bewegung, Achtsamkeit und Gemeinschaft. Die 7. Riedlinger Gesundheitstage bieten ein pralles Programm: Von praktischen Mitmachaktionen über fachliche Vorträge bis hin zu einem verkaufsoffenen Sonntag mit großer Gesundheitsmesse in der Stadthalle. Ein Überblick.

ANZEIGEN

BLIX-NEWSLETTER

VERANSTALTUNGEN

ALLGÄU-OBERSCHWABEN

Wangen – Abschalten vom täglichen Zeit- und Termindruck, zur Ruhe und in Einklang kommen, sich Energie holen für die …
Aulendotf / Wilhelmsdorf – “Häckmäck”, das aktuelle Programm des Kleinkunstvereins Aulendorf, wird in diesem Frühjahr…
Waldburg – Die Waldburg startet früh in die Saison 2026. Das Team hat sich viele tolle Neuerungen für 2026 einfallen …
Marl / Zussdorf (rei/FR) – Die oberschwäbische Kult-Serie „Tschappel“ hat den renommierten Grimme-Preis erhalten. Der…
Waldburg – Das Schloss Waldburg startet in die Saison 2026 und lädt Besucherinnen und Besucher ein, einen der geschic…