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Die promovierte Biologin Katrin Fritzsch ist seit fünf Jahren Leiterin des NABU-Naturschutzzentrums Federsee und für den Bereich Naturschutz im Federseegebiet zuständig. Das NABU-Naturschutzzentrum betreut im Auftrag des Landes das Federseemoor, das über 3000 Hektar Moor umfasst.

Bad Buchau – Wer Artenschutz meint, muss auch Ökologie ernst meinen. Das eine geht nicht ohne das andere. Das ist die journalistische Kurzfassung eines ausführlichen Gesprächs mit Katrin Fritzsch, der Leiterin des Naturschutzgebietes und -zentrums Federsee, bei einem Spaziergang auf dem Holzsteg, der mitten hineinführt in die Arbeitswelt der promovierten Biologin. Vor fünf Jahren folgte die vor 55 Jahren im „Moorland“ Niedersachsen geborene, promovierte Biologin Jost Einstein, dem Gründer des ökologischen Vorzeigeprojekts, das dem Kurort am Federsee europäischen Ruf beschert. Ihre Aufgaben entsprechen ihren Wunschvorstellungen, Artenschutz gehört selbstredend dazu.

Frau Dr. Fritzsche, was fällt Ihnen als Erstes ein, wenn Sie über den Artenschutz nachdenken?

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Naturschützer*innen brauchen einen langen Atem und ein dickes Fell. Aber dass sich das Engagement lohnt, beweisen Erfolgsgeschichten wie die gute Bestandsentwicklung des Weißstorches in Baden-Württemberg. Zurücklehnen können wir uns aber nicht, vielen Arten geht es zu schlecht. 

Das Naturschutzgebiet Federsee dient dem Artenschutz. Mit welchem Erfolg?

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Die Schutzgebiete am Federsee dienen dem Moor- und Klimaschutz. In den vergangenen Jahren konnten Renaturierungsprojekte den Wasserhaushalt im Moor stabilisieren und den Lebensraum für typische Moorarten erhalten und weiterentwickeln. Im Federseemoor sind   über 270 Vogelarten nachgewiesen, rund 100 sind aktuelle Brutvögel. Zu Zugzeiten ist das Gebiet wichtiger Rastplatz für Vögel und der See wird von verschiedensten Wasservögeln als Überwinterungsplatz genutzt. 700 Pflanzenarten wachsen im Moor und schätzungsweise rund 500 Schmetterlinge und 12 Fledermausarten leben im Gebiet. Diese Zahlen bescheinigen dem Federseemoor eine hohe Artenvielfalt und die große Bedeutung für den Naturschutz.     

„Der Biber hat es geschafft“, sagt Katrin Fritzsch mit Blick auf die vitale Population des Nagetiers im Federseegebiet. Foto: Klaus Mendla

Welches ist Ihr Sorgenkind?

Die extremen Witterungsphasen unterjährig, aber auch die starken Wechsel von warm-trockenen und kühl-nassen Jahren nehmen im Federseegebiet nachweislich zu. Im letzten Jahr hatten wir extremes Hochwasser im Federseegebiet. Die Nester von bodenbrütenden Vogelarten in seenahen Moorwiesen sind überflutet worden, wenige Jungvögel haben überlebt. Dieses Jahr haben wir derzeit das Gegenteil: hohe Temperaturen und wenig Niederschlag. Die Moorböden trocknen tiefgründig aus, Sauerstoff kann in den Boden eindringen und den Torf zersetzen, als Folge entweichen klimaschädliche Gase. Eine große Belastung für ein Moor.

Was muss geschehen, dass Artenschutz gelingt?

Es gibt kein Patentrezept. Aber Fakt ist, dass wir uns nicht nur auf Schutzgebieten verlassen können, um ein langfristiges Überleben von Tieren und Pflanzen zu sichern. Vor allem dann nicht, wenn Schutzgebiete inselartig in einer intensiv genutzten Landschaft liegen. Das Braunkehlchen beispielsweise kommt im Federseegebiet noch häufiger vor, drumherum allerdings sieht es mau aus. In ganz Baden-Württemberg brütet es aktuell nur noch in sieben Gebieten, früher war es ein recht häufiger Brutvogel. 

Bernhard Klein ist Vorsitzender des Vereins „Pro Biosphäre“. Foto: privat

Taugen Biber, Wolf & Co. als Beispiele für gelungenen Artenschutz?

Ja, der Biber hat es geschafft, sich Lebensraum zurückzuerobern und er gestaltet sein Umfeld. Davon profitieren nachweislich andere Tierarten. Im Federseegebiet haben sich an vom Biber geschaffenen Teichen beispielsweise Kiebitz und Bekassine eingefunden. Und das zum Nulltarif. Kiebitz und Bekassine sind in Baden-Württemberg vom Aussterben bedroht. 

Wie ist die Diskrepanz zu erklären, dass ein großes Raubtier wie der Wolf erfolgreich zurückkehrt, aber der Artenschwund weiter voranschreitet?

Die Frage ist, welche Artengruppen sehen wir uns an. Zugvögel beispielsweise sind verschiedensten Einflüssen ausgesetzt. In den Überwinterungsgebieten und auf der Zugstrecke können ungünstige Bedingungen die Bestände schrumpfen lassen, viele Vogelarten haben zudem eine sehr geringe Lebenserwartung. In den Brutgebieten müssen also optimale Bedingungen für die Aufzucht von Jungtieren herrschen, um stabile Populationen aufbauen zu können. Die Bedingungen für Feld- und Wiesenvögel sind aber in einer intensiv genutzten Acker- und Wiesenlandschaft alles andere als optimal. Brutplätze fehlen und durch den Insektenschwund herrscht Nahrungsknappheit. Für den Wolf passen in Baden-Württemberg offensichtlich Lebensraum und Futterangebot für eine Rückkehr von Einzeltieren, aber ein Rudel gibt es derzeit nicht.   

Die fantastische Moorlandschaft am Federsee ist auch Heimat der vom Aussterben bedrohten Beutelmeise. Foto: Klaus Mendla

Trifft es zu, dass Artenschutz nur dort gutgeheißen wird, wo er niemanden stört und vor allen Dingen kein oder nur wenig Geld kostet?

Ja, leider ist das sehr häufig so. Aber Naturschutz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. 

Wie lassen sich die Konflikte, die sich auftun, wenn Natur und Zivilisation sich begegnen, befrieden oder gar lösen? Beispiele: Wolf & Biber?

Kommunikation, Kümmerer und frühzeitige Präventionsmaßnahmen sind Grundlagen für ein weitgehend friedliches Miteinander. Unser Naturschutzzentrum ist im Federseegebiet Anlaufstelle für Fragen rund um den Biber. Mein Kollege und ich sind ausgebildete Biberberater und stehen im Konfliktfall als Ansprechpartner zur Verfügung. Am besten ist es natürlich, wenn es erst gar nicht zu Konflikten kommt. So kontrollieren wir regelmäßig bekannte Reviere und setzen in Absprache mit den Naturschutzbehörden selbst Präventionsmaßnahmen um. 

Wann ist eine Art gesichert und könnte zur Regulierung auch bejagt werden?

Der Lebensraum und das Nahrungsangebot müssen ausreichen, um das langfristige Überleben einer Art zu sichern. Die Anzahl Tiere muss ausreichend groß sein, damit die Art auch in Zukunft nicht ausstirbt beispielsweise durch Einflüsse wie Krankheiten oder Verkehrsunfälle. So steht es in den Richtlinien für EU-weit geschützte Arten.

Foto: Marie Köhler

Das trifft auf den Biber doch zu oder nicht? Folglich könnte er auch bejagt werden?

Nach Einschätzung des Umweltministeriums trifft das in Baden-Württemberg zu. Denn eine neue Verordnung soll eine letale Entnahme – wie es so schön heißt – besonders problematischer Tiere vereinfachen. Für mich ist das zu kurz gedacht: Das Töten von Tieren bekämpft Folgen, aber nicht Ursachen. Und das meist auch nur kurzfristig, da frei gewordene Reviere sehr schnell von Tieren nachbesetzt werden. Ich bin überzeugt und Praxisbeispiele zeigen es, dass beispielsweise die konsequente Umsetzung von ungenutzten Gewässerrandstreifen etliche Konflikte mit der angrenzenden Landnutzung lösen würde.

In Oberschwaben und im württembergischen Allgäu könnte ein Biosphärengebiet entstehen, wozu auch der Federsee gehören könnte. Würden Sie das begrüßen und unterstützen Sie die Initiative?

Ich begleite den Prozess sehr wohlwollend und ich würde mir für die Region wünschen, dass nachhaltiges Wirtschaften einen höheren Stellenwert bekommt. Für den Schutz von Natur wird es meines Erachtens leider keine großartigen Verbesserungen bringen, weil die potenziellen Kern- und Pflegezonen alle in bereits bestehenden Schutzgebieten liegen. Was mir in Biosphärengebieten sehr gut gefällt, ist die Aufgabe, die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt zu verbessern. Projekte zur Förderung von Naturerlebnis und Bildung stehen genauso im Focus wie soziale Projekte. 

Wenn Sie für den Artenschutz einen Wunsch frei hätten, welcher wäre das?

Bitte mehr Unordnung in der freien Landschaft zulassen, das heißt Mut zu Wildkräutern und wilden Ecken als Lebensraum für Insekten und Co. und da wo es geht, Veränderungen der Landschaft durch die Gestaltungskraft des Bibers aushalten.

Pro statt contra

Als Reaktion auf die Aktivitäten der Gegner des geplanten Biosphärengebiets Oberschwaben/Allgäu hat sich der Verein „Pro Biosphäre“ gegründet. Sein Ziel ist, die Menschen in der Region „über die Chancen eines Biosphärengebietes“ zu informieren und zwar „faktenbasiert“.

Das zielt auf die Gegner des Projektes, die sich bereits vor Monaten ebenfalls als Verein in der „Allianz für Allgäu-Oberschwaben“ zusammengeschlossen haben. Es sind Vertreter aus der Forst- und Landwirtschaft, darunter auch Großgrundbesitzer, die weitere Bürokratie und naturschutzrechtliche Einschränkungen fürchten. Dem gegenüber finden sich bei „Pro Biosphäre“ die Befürworter eines Biosphärengebiets, die darin die einmalige Chance sehen, dass „unsere einzigartige Moor- und Hügellandschaft und die Artenvielfalt auch für künftige Generationen erhalten werden und zudem eine dem Gemeinwohl verpflichtete Ökonomie mit gesunden und wirtschaftlich resilienten landwirtschaftlichen Betrieben entstehen“, heißt es in der Presseinformation.

Wie bereits berichtet (BLIX, 05/25, S.6) kann jeder und jede seit dem 31. März mit Hilfe der im Internet freigeschalteten Karten sich einen Überblick von dem geplanten Biosphärengebiet Allgäu-Oberschwaben verschaffen. Die Karten zeigen mögliche Gebietsgrenzen und Schutzzonen. Das Konzept: Auf rund 70.000 Hektar sollen die Interessen der Städte und Gemeinden, des Tourismus, der Landwirtschaft mit dem Schutz der Natur in Einklang gebracht werden. Das Gebiet wird entsprechend in drei Zonen unterteilt. In den sogenannten Kernzonen, die im Besitz der öffentlichen Hand sind, hat die Natur Vorrang und soll sich möglichst ungestört vom Menschen entfalten – entsprechend einem Naturschutzgebiet. In den Pflegezonen geht es um eine möglichst schonende Landnutzung, die auch Erholung in der Natur bieten und einen nachhaltigen Tourismus fördern sollen. In den Entwicklungszonen steht der wirtschaftende Mensch im Mittelpunkt. Wert gelegt wird dabei aber auf eine vorbildliche ökologisch ausgerichtete Wirtschaftsentwicklung.

Letztlich entscheiden die innerhalb der geplanten Grenzen liegenden Gemeinden, ob sie beitreten wollen. Informationsveranstaltungen in den Gremien sollen ab Ende Juni stattfinden. Danach könnte es immer noch Veränderungen der Karten geben, die letztlich im Herbst in die Gemeinderäte gehen sollen. Wenn alle betroffenen Kommunen abgestimmt haben, steht fest, ob das Biosphärengebiet realisiert wird. Bedingung sind jedoch die drei Prozent der Kernzone. Bekommt das Team die drei Prozent nicht zusammen, weil sich zu viele Gemeinden dagegen aussprechen, ist das Projekt Biosphärengebiet gescheitert.

Das wollen die Mitstreiter von Bernhard Klein, dem in Kißlegg wohnhaften Vorsitzenden von „Pro Biosphäre“, unbedingt verhindern. „Dabei geht es nicht darum, neue Gräben zu ziehen und im Prozess weiter zu polarisieren, sondern es geht darum, unbegründete Ängste zu nehmen und Brücken zu bauen, so dass die Region und die Gremien in den Kommunen in Kenntnis aller Fakten entscheiden können“, heißt es in der Stellungnahme des Vereins und verweist auf die „umfassende Förderung durch das Land Baden-Württemberg, die nur einem Biosphärengebiet zur Verfügung steht“. Der Appell: „Wir sollten die einmalige Gelegenheit, die uns das Land Baden-Württemberg bietet, nutzen. Eine solche Chance bekommt unsere Heimat kein zweites Mal!“

Autor: Roland Reck



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