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Leserbrief

Vorbildlich: Eberhardzell hat eine Lösung gefunden



Foto: Erwin Linder
Das barocke Pfarrhaus von Reute (Bad Waldsee) wurde 1739 erbaut und steht unter Denkmalschutz.

Zur Frage der Nutzung des Reutener Pfarrhauses erreichte uns nachstehender Leserbrief; siehe auch unser Artikel „Der Rat des Christian Skrodzki“

Stuck im Gerichtssaal im 2. Obergeschoss. Die über Kreuz gelegten Schlüssel symbolisieren die Herrschaft des Waldseer Augustinerchorherren-Stifts über Reute (bis 1788). Foto: Brigitte Hecht-Lang

Die Suche nach einem neuen Eigentümer des historischen Pfarrhauses in Reute scheint eine unendliche Geschichte. Die Versteigerung durch ein Immobilienauktionshaus in Hamburg im November brachte kein Ergebnis, nun läuft eine – bereits verlängerte – Nachauktionszeit.

Ein Investor vom Bodensee möchte jetzt das historische Pfarrhaus Reute sanieren. Endlich einmal eine gute Nachricht, denkt man, da der potenzielle Käufer das Haus in enger Kooperation mit den Denkmalbehörden sanieren und – Wohnraum schaffen möchte. Doch zur Schaffung nur von (modernem) Wohnraum ist dieses Gebäude nicht geeignet.

Zwar gibt es viel Platz: geräumige Kellerräume, die temporär für eine gewerbliche Nutzung zum Beispiel für eine Weinhandlung geeignet wären, im Erdgeschoss waren früher Pfarrbüro und Ministranten zu Hause, hier wäre Wohnraum eventuell denkbar wie auch eingeschränkt im 1. Obergeschoss, im Bereich der ehemaligen Pfarrerwohnung.

Das 2. Obergeschoss ist für den Einbau von Wohnungen gänzlich ungeeignet, Hier wäre Platz für Kultur (Vorträge/Ausstellungen) oder Musik – somit eine öffentliche Nutzung.

Der große Dachraum über zweieinhalb Ebenen zeigt barockes Zimmerhandwerk und kleine Fenster, hier ist ein Einbau von Wohnraum illusorisch.

Der Grundriss des Hauses ist auf Repräsentation ausgelegt: ein breiter Gang in der Mitte über die gesamte Länge, davon gehen die einzelnen Zimmer nach beiden Seiten ab. Erschlossen werden die beiden Obergeschosse durch eine breite gegenläufige Treppe mit Mittelpodest, die im rechten Winkel auf die Mitte der beiden Flure trifft. Die Türen, Füllungen und Türrahmen sind farbig bemalt (marmoriert), oberhalb schließen sich geschnitzte Schmuckelemente an (sogenannte Supraporten). Fernen finden sich an den Decken im 1. und 2. Obergeschoss feine Stuckaturen, darin eingebettet teilweise kleinere Deckenbilder, im 2. Obergeschoss war im Gerichtsraum ein ovales Ölgemälde in die Decke eingelassen.

Fazit: Das historische Pfarrhaus benötigt einen Sanierer, der um den historischen Wert und die Schönheit dieses Hauses weiß und nicht den kommerziellen Gewinn durch Schaffung von Wohnraum in den Vordergrund stellt. Insofern ist die Einlassung von Christian Skrodzki begrüßenswert und richtig, nur kommt sie leider reichlich spät.

Das Land Baden-Württemberg als Eigentümerin ist nicht ohne Grund so streng in der Auswahl potentieller Käufer. Es stimmt aber auch, dass das Haus zwar nicht akut gefährdet ist, doch ein leerstehendes historisches Gebäude kann nur überleben mit einer entsprechenden Nutzung. Und dazu gehört eben nicht die (ausschließliche) Schaffung von Wohnraum.

Die Erhaltung eines historischen Gebäudes – auch ein ehemaliges Pfarrhaus – durch eine verträgliche, zeitgemäße neue Nutzung kann beispielweise in Eberhardzell studiert werden.

Dieser Pfarrhof wurde ab 1746 nach Plänen des Schussenrieder Klosterbaumeisters Jakob Emele errichtet (der in Waldsee für die Westfassade von St. Peter mit den beiden über Eck gestellten Türmen verantwortlich zeichnet). Das Gebäude diente neben der Seelsorge den Schussenrieder Chorherren als Sommerresidenz. Es besticht neben einem repräsentativen Äußeren durch seine reiche Innenausstattung: eine breite Treppe, einen breiten Mittelgang in den beiden Geschossen, bemalte Türrahmen und Türblätter, Ovalbilder über den Türen, feine Stuckaturen an den Decken. Dieser ehemalige Pfarrhof wurden von 1988 bis 92 vorbildlich saniert und dient heute der Ortschaft als Rathaus.

Diese Option ist für das ehemalige Pfarr- und Gerichtsgebäude der Waldseer Augustiner Chorherren in Reute nicht mehr gegeben. Dennoch kann immer noch gehofft werden, dass sich ein Käufer mit einem umsetzungsfähigen Nutzungskonzept findet. Es ist diesem historisch wertvollen Haus zu wünschen!
Brigitte Hecht-Lang, Bad Waldsee (Diplom-Restauratorin)

Anm. d. DBSZ-Red.: Leserbriefe sind Meinungsäußerungen. Die Redaktion der Bildschirmzeitung akzeptiert ein breites Spektrum an Meinungen. Nicht veröffentlich werden extremistische, persönlichkeitsverletzende oder offensichtlich wahrheitswidrige Äußerungen.

Die Redaktion der Bildschirmzeitung akzeptiert ein breites Spektrum an Meinungen. Nicht veröffentlich werden extremistische, persönlichkeitsverletzende oder offensichtlich wahrheitswidrige Äußerungen.

Türe im 2. OG des Pfarrhauses Reute. Foto: Brigitte Hecht-Lang

Supraporte über der Türe zum Gang im 2.OG des Pfarrhauses Reute. Foto: Brigitte Hecht-Lang

Caravaca-Kreuz, typisch für die Barockzeit in habsburgischen Landen. Foto: Brigitte Hecht-Lang

Ansicht von Nordwesten. Foto: Erwin Linder

Ansicht von Norden. Foto: Erwin Linder

Ansicht von Westen. Foto: Erwin Linder



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