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Alles Fake, oder?

Stadtarchivar Michael Tassilo Wild hielt Vortrag über die Geschichte der Fälschung



Foto: Ulrich Gresser
Stadtarchivar Michael Tassilo Wild war bei dem Vortrag voll in seinem Element.

Bad Wurzach – Stadtarchivar Michael Tassilo Wild nahm die rund 40 Besucher seines von der katholischen Erwachsenenbildung organisierten Vortrages „Alles Fake, oder?“ im Pius-Scheel-Haus mit auf eine Reise der Fälschung durch mehr als drei Jahrtausende der Menschheit, aber immer mit einem Augenzwinkern.

Veranstaltungen und Vorträge von Stadtarchivar Wild bieten vieles, sind aber immer alles andere als langweilig. So auch an diesem Donnerstagabend, am 20. November 2025.

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Als Startpunkt seiner Reise wählte Wild die Schlacht von Kadesch, als das ägyptische Heer Ramses´ II, Pharao der 19. Dynastie, im Jahre 1274 v. Christus einer fast doppelten Übermacht der Hethiter und deren Verbündeten gegenüberstand. Nur mit viel Glück überlebte der Pharao diese Schlacht, nachdem ihn ein Großteil seines Heeres im Stich gelassen hatte. Er habe gebetet und Gott Amun habe ihm zum Sieg verholfen, ließ er später in Stein meißeln. Dabei sei es nur einem glücklichen Umstand zu verdanken gewesen, dass er überhaupt überlebt hatte. Kommentar von Archivar Wild: „Ramses II war der erste Herrscher, der mit Propaganda die öffentliche Meinung manipulierte.“

Sein nächstes Beispiel waren die Pseudo Klementinen, ein spätantiker Roman, eine Unterhaltungsgeschichte und reine Fantasie, dessen Inhalt von den Menschen im Mittelalter gerne gehört und als Theater angesehen wurde, weil sie laut Wild, „viel Action bot“. Während der Apostel Petrus, der erste Bischof von Rom, betet, um Wunder zu bewirken, ist sein Gegenspieler Simon Magus, der es mit der Zauberei hält. Man kann sich gut vorstellen, wie es im Mittelalter gewirkt haben muss, wenn eben die Figur des Simon Magus an einem Seil hängend um den Marktplatz kreist und abstürzt.

Die Konstantinische Schenkung stammt aus der Zeit, als in Rom das Christentum eine von mehreren Staatsreligionen war. Kaiser Konstantin I. soll dem Papst etwa um 315 nach Christi damals die Westhälfte seines Reiches geschenkt haben. Diese galt als Grundlage für den weltlichen Herrschaftsanspruch der Päpste. Ein deutscher Theologe und ein Humanist konnten diese Schenkungsurkunde, die etwa im Jahre 800 ausgestellt wurde, im Jahre 1430 als Fälschung entlarven. Michael Wild denkt, dass die Kirche selbst an diese Schenkung bzw. deren falsche Inhalte geglaubt habe, weil sie sich über viele Jahrhunderte gehalten hatte.

Aber Wild hatte neben Beispielen aus der großen Weltgeschichte auch ein wunderbares Beispiel aus der hiesigen Historie parat. Denn die Stadt Waldsee wurde von den Habsburgern im Jahre 1386 an die Waldburger verpfändet und ein weiteres Mal 1406. Dabei war Korruption im Spiel: Kaiser Friedrich III stellte nach einer Klage von Erzherzog Sigmund 1488 im Jahr darauf fest, dass die Ansprüche und Verträge auf bestochene Hofbedienstete zurückging. Waldsee fiel erst im Zuge der napoleonischen Neuordnung Europas (1806) an Württemberg zurück.

Michael Tassilo Wild zeigte auf dem Weg ins 20. Jahrhundert auch interessante und durchaus weltpolitische Beispiele wie den skurrilen Fall des Champagner-Krieges zwischen Deutschland und Frankreich. Deutschland suchte in Person des Bruders des Kaisers durch einen Yachtkauf in der damals noch aufstrebenden Großmacht USA den Weg zu engeren politischen Beziehungen. Bei der Schiffstaufe im Jahre 1902 sollte das Schiff natürlich mit deutschem Schaumwein getauft werden. In der Nacht davor tauschten französische Geheimagenten die Flaschen gegen französischen Champagner aus. Die Taufe wurde von der 18jährigen Tochter des damaligen US-Präsidenten Theodore Roosevelt vorgenommen, der zu dieser Zeit zum Kampf gegen Korruption angetreten war. Die politische Wirkung dieses Skandals traf diesen wegen des bestechlichen Werftbesitzers damit zur Unzeit. Gut eineinhalb Jahre später kam es sogar zu einem Gerichtsurteil gegen den Champagner-Produzenten, dem in der Folge auch das britische Königshaus als Kunde absprang.

Eine viel dramatischere Fälschung sind die Protokolle der Weisen von Zion. Diese sind ein antisemitisches Pamphlet, das erstmals im russischen Kaiserreich veröffentlicht wurde. Dessen Folgen waren enorm: In Deutschland und der Welt starben und sterben als Folgen dieser rassistischen Pamphlete, die immer noch, aktuell etwa in den arabischen Ländern, verkauft werden, Millionen von Menschen. Diese waren auch der Grund, warum es in Deutschland den Pressekodex gibt.

„Bilder lügen nicht, oder?“ Diese Aussage konnte Wild in seinem Vortrag mit einem berühmten Beispiel, gut 70 Jahre vor der Erfindung digitaler Bildbearbeitungsprogramme, entkräften. Bei dem Foto „Lenin auf der Rednerbühne“ wurde nämlich Genosse Trotzki wie auf allen von Stalin in der Sowjetunion veröffentlichen Fotos herausretuschiert, nachdem dieser bei Stalin in Ungnade gefallen war.

Han van Meegeren (1889-1947) war ein genialer niederländischer Kunstfälscher, der zahlreiche holländische Meister wie Vermeer und Rembrandt so gut fälschte, dass diese oft in Museum als Originale ausgestellt wurden. Er rühmte sich auch damit, einen (falschen) Vermeer an die Nazi-Größe Hermann Göring verkauft zu haben. Aufgeflogen als Fälscher war er durch verwendete Farbpigmente, die es zu Zeiten von Rembrandt noch gar nicht gab. Seine echten Werke erzielen inzwischen selbst bis zu siebenstellige Summen und werden ihrerseits selbst gefälscht.

Stadtarchivar Wild ließ in seinem in vielen Teilen äußerst unterhaltsamen und spannenden Vortrag auch den Lehrsatz seines Professors außer acht, sich niemals mit Geschehnissen zu befassen, die kürzer als 10 Jahre zurückliegen.

Es ging um Aufstieg und Fall der 1984 geborenen Betrügerin Elizabeth Holmes, die mit 19 Jahren die Firma Theranos gründete. Das Bluttestgerät, das die Medizintechnik-Firma entwickelte, sollte angeblich durch Abnahme eines einzigen Blutstropfen innerhalb von 15 Minuten ein großes Blutbild analysieren. Im Jahre 2015 galt sie als weiblicher Steve Jobs und wurde zu den einflussreichsten 100 Persönlichkeiten weltweit gezählt, deren Privatvermögen auf 4,5 Milliarden US-Dollar geschätzt wurde, ehe der Betrug noch im selben Jahr aufflog. Sie wurde im Jahr 2022 zu 11 Jahren und drei Monaten Haft verurteilt, gegen die ihre Berufung noch läuft.

Michael Tassilo Wild hatte noch ein weiteres Beispiel parat, in dem Fotografien durchaus positive Wirkungen zeigten: Bei seiner ersten Amtseinführung behauptete der für seine „alternativen Fakten“ berüchtigte aktuelle US-Präsident Donald Trump, dies sei die besuchermäßig größte Amtseinführung eines US-Präsidenten gewesen. Eine Behauptung, die durch Vergleichsfotos mit derjenigen von Barack Obama eindeutig widerlegt werden konnte.

Ganz am Ende seines Vortrages gab Wild zu, dass er selbst in einem der präsentierten Fälle geflunkert hatte. Die Torfstiche im Ried waren nämlich nicht von irgendeinem „Schlaule“ im 19. Jahrhundert von der Allmende, von einem Ort, an dem die Allgemeinheit ihren Brenn-Torf stechen konnte, durch Betrug an das Fürstliche Haus verkauft wurde.

Der Gewinner der Quizfrage erhielt von Wild ein kleines Präsent überreicht. Ein solches bekam auch der Referent von einem begeisterten Pfarrer Stefan Maier als Vertreter des Orga-Teams als kleine Anerkennung überreicht.




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