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Ökumenische Feier und großes Gemeindefest

Das Haidgauer Friedenskreuz ist eingeweiht



Foto: Uli Gresser
Ein großer Moment für Haidgau, ein berühender Ort für Menschen des Friedens: Das neu errichtete Haidgauer Friedenskreuz ist eingeweiht. Der Friedenshain, in dem es steht, stammt aus der Zeit unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg.

Haidgau – Bereits 2019 sollte das 100-jährige Jubiläum des Friedenshains in Haidgau gefeiert werden. Jetzt konnte mit der Einweihung des neuen Friedenskreuzes diese Feier in einem würdigen Rahmen nachgefeiert werden.

Mit einem feierlichen Festzug, angeführt von der Musikkapelle Haidgau starteten Kirchenchor, Ministranten, Pfarrer Patrick Meschenmoser und Pfarrerin Cora Böttiger von der evangelischen Kirchengemeinde, die Pfarrgemeinderäte, die Fahnenabordnungen von Kriegerverein, Blutreiter, Schützenverein und Narrenzunft sowie die Ehrengäste und Gläubigen von der Kirche die Hohlgasse hinauf zum Friedenshain, wo auf dem Anwesen gegenüber der Gottesdienst stattfand.

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Die evangelische Pfarrerin Cora Böttiger ging ihrer Predigt auf das Lesungswort des Proheten Micha, ein: „Ein jeder Mensch wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken.“ Also ein Bild vollkommenen Friedens und der großen Vision, nach der alle Völker ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen werden. Ein biblisches Bild, das in der jüngeren Vergangenheit wiederaufgenommen wurde, als der Widerstand gegen das DDR-Regime aufflammte. „Was kann diese Vision des Propheten Micha bedeuten, angesichts der Realität in unserer Welt?“ Es helfe, sich die damalige Situation vor Augen zu führen: Es war Kriegszeit, Nordisrael hört auf als Staat zu existieren, Juda wird verwüstet, nur Jerusalem bleibt unbesetzt übrig, „wie eine Hütte im Weinberg.“ Es sind wie heute auch bewegte Zeiten, der Prophet sieht sich häufig herausgefordert, mit der Botschaft Gottes ins politische Tagesgeschehen einzugreifen. Er verurteilt nicht die Aggressoren, sondern fordert sein Volk auf, auf sein eigenes Schuldig-Sein zu blicken. Man wollte als kleines Volk sich stolz den Mächtigen der Erde entgegenstellen und brachte in diesem Hochmut sein Land in Gefahr. Genau so sind wir gefragt, auf uns zu schauen und uns fragen, wo wir dem Frieden schaden. Denn nicht nur Waffen können verletzen, sondern auch Worte, Beleidigungen abschätzige Bemerkungen, aber auch Rechthaberei trage zum Unfrieden bei.

Friede fängt nicht bei einem selbst an, sondern bei Gott. Aber jeder ist der erste, mit dem er seinen Frieden schließen möchte. Sein Wort des Friedens brauche einen Resonanzkörper in uns, damit es nicht ungehört verhallt. Das Bild zeigt: „Friede ist mehr als bloß kein Krieg und keine Gewalt.“ Wobei dies ja schon sehr viel wert wäre. Auch zu uns spräche dieses Wort und wecke die Friedenssehnsucht. So wie bei diesem Ort, einem Friedenshain mit einem Kreuz. Bäume, die Schatten spenden und das Kreuz, das Zeichen, dass das Leben über den Tod siegt.“

Während die Musikkapelle den Choral „Highland cathedral“ anstimmte, gingen die beiden Pfarrer mit den Ministranten und dem Kirchengemeinderat gemeinsam mit Alfred Engelhardt, Ortsvorsteherin Ernestina Frick und Bürgermeisterin Alexandra Scherer hinüber in den Friedenshain, um das Friedenskreuz zu segnen.

Anschließend, nach vielen Danksagungen von Pfarrer Patrick Meschenmoser an die zahlreichen Helfer im Vorfeld und während der Feier, geleitete die Musikkapelle die Prozession wieder hinab in den Ort, wo in der Festhalle Alfred Engelhardt den Festvortrag zum Friedenshain und zum Friedenskreuz hielt.

In seiner Begrüßung dort fand Pfarrer Meschenmoser viele Worte des Dankes an den alten und neuen Kirchengemeinderat, an den Kriegerverein, der sich weiterhin um die Pflege des Friedenshains kümmern wird, ganz besonders aber für Alfred Engelhardt für die geleistete Arbeit.

Vortrag von Alfred Engelhardt

Alfred Engelhardt ging in seinem Vortrag zunächst auf die drei kurz nach dem Ersten Weltkrieg eingeweihten Denkmäler ein. Am 5. Oktober 1919 war dies der Friedenshain Lourdesgrotte mit der Kreuzigungsgruppe. Am 2.Mai 1920 wurden die 14 Kreuzwegstationen eingeweiht und am 19. September 1920 erfolgte schließlich die Einweihung des Kriegerdenkmales auf dem Friedhof. Der Begriff Friedenshain sei etymologisch unbewusst, aber sehr treffend erfolgt: Frieden komme aus dem Althochdeutschen Fridu und bedeute Freundschaft , Versöhnung. Hain komme von Hagan und bedeute abgeschlossenes, später auch „geweihtes Wäldchen“.

Engelhardt nannte drei Gründe, warum er sehr glücklich mit der Entscheidung der Wiederaufrichtung eines Friedenskreuzes ist. Er freue sich als Staatsbürger und überzeugter Demokrat, denn in der heutigen Zeit sei der Frieden durch zahlreiche Kriege , auch im europäischen Umfeld, bedroht. Es werden im Netz Hass gesät und Fake-News verbreitet, um Vertrauen zu untergraben. Tendenzen zur Spaltung unserer Gesellschaft nehmen zu. Deshalb gelte es, sich für den Frieden einzusetzen, von global bis lokal, ja bis in die Familien hinein. Auch als Christ mache ihn das Kreuz froh, weil Friede ja Kernbotschaft des Christentums sei. Im Friedenshain sind Kreuz und die Friedenskönigin Maria unter dem Kreuz, dem Symbol des Friedens, der Hoffnung und der Zuversicht.

Und auch aus dem Blickwinkel der Heimatpflege: Durch die Wiederaufrichtung eines Kreuzes wird die Friedenssehnsucht der Haidgauer von damals sichtbar in die heutige Zeit tradiert, wo der Frieden wieder einmal auf vielen ebenen bedroht ist. Das beängstigende Gefühl, eine Zeitenwende zu erleben, verbindet das Damals und mit dem Heute. „Frieden ist, damals wie heute, die Grundlage eines konfliktfreien gesellschaftlichen Zusammenlebens.“

Aus der Pfarrchronik

Mit Zitaten aus der Pfarrchronik definiert Alfred Engelhardt vier Stimmungs-Etappen während des Krieges.

  1. Etappe: Trotz Aufregung bei Kriegsausbruch herrscht Zuversicht, dass der Krieg an Weihnachten beendet sein wird. „Schlag auf Schlag rücken die Truppen ein.“
  2. Etappe: Durchhalten, Zuversicht, Schuldsuche beim Gegner (England)
  3. Etappe : Ernüchterungsphase. Pfarrer Locherer schildert die unendlichen Kriegsbelastungen. „Kein Wunder wenn immer mehr Feinde sich gegen uns zusammentun. Da kann nur der Himmel helfen.“
  4. Etappe: Friedenssehnsucht im August 1918: „Der Frieden aber will leider, leider immer noch nicht kommen.“ „Wo, wann und wie soll das enden? Herr im Himmel schau darein.“

Der Krieg hat das bäuerliche Dorfleben in Haidgau massiv verändert: Bereits bei Kriegsbeginn wurden 100 „Jünglinge und Männer“ eingezogen, am Ende waren es 121 (bei 710 Einwohner). Die Folgen waren gravierend für die Landwirtschaft. 1916 kamen Kriegsgefangene zur Unterstützung nach Haidgau, am Ende waren es 86, die zur Arbeit herangezogen wurden. Es herrschte eine existenzbedrohende Lebensmittel -und Güterknappheit.

Viele Maßnahmen erwiesen sich im Nachhinein als durchaus fortschrittlich: 1915 erfolgte in der Kirche die Elektrifizierung wegen Rohstoffknappheit, 1917 wurde aus Ölmangel auch das ewige Licht elektrifiziert. Und im Sommer 1916 wurde zur Lichtersparnis die Sommerzeit eingeführt.

Nach dem Verschwinden der Monarchien befürchtete der Pfarrer revolutionäre Zustände wie in Russland. In dieser unsicheren Zeit mit ungewisser und bedrohlich empfundener Zukunft glaubten viele, dass hier nur noch der Allmächtige helfen könne. Deshalb wurde auf Betreiben des Kirchenpflegers Franz Joseph Brauchle die ehemalige Lehmgrube für den Zweck des Errichtens eines Friedenshaines von der politischen der Kirchengemeinde „zuprotokolliert“.

Engelhardt beendete seinen Vortrag mit Zitaten aus Zeitungsartikeln, die nach der Einweihung des Friedenshaines erschienen sind. Und er dankte all jenen, die ihn zur Durchführung dieses Projektes ermuntert und dabei unterstützt haben. „Mein innigster Wunsch ist es, dass auch weiterhin dieser mystisch anmutende „Friedenshain“ ein Ort der entspannenden Stille, der Besinnung, des Gebetes, der Meditation und ein Treffpunkt friedensstiftender Begegnungen bleiben möge. „Leider erkennt man den Wert des Friedens erst dann, wenn er verloren gegangen ist. Versuchen sie bitte, das Gegenteil zu beweisen.“

Grußwort der Bürgermeisterin

In ihrem Grußwort ging Bürgermeisterin Alexandra Scherer auf die Idee von Alfred Engelhardt, nach der Jubiläumsfeier des Friedenshaines 2023 anstelle der Kreuzigungsgruppe ein Friedenskreuz zu errichten, ein. In Zeiten, wo in vielen Ländern Krieg herrscht, empfinde sie dieses Friedenskreuz als wichtiges Signal und ein sichtbares Zeichen des Friedens in der Stadt. „Der Ort ist eine Bereicherung für Haidgau, aber auch für die ganze Stadt und zeigt wieder, wie engagiert die Bürger und Kirchengemeinderäte unserer Stadt sind.“ Sie dankte dem Schöpfer des Kreuzes, dem bei der Feier anwesenden Zimmerer Daniel Hafner – ein Ur-Ur-Enkel des Erbauers der Lourdesgrotte vor mehr als 100 Jahren. Bei soviel Unterstützung und Gemeinsinn sei es der Stadt natürlich leicht gefallen, einen Beitrag zu geben. Denn dieser sei Vorraussetzung gewesen, dass auch die Denkmalpflege des Landkreis Ravensburg einen Zuschuss beisteuerte. Neben dem Landkreis steuerten auch die Bürgerstiftung Bad Wurzach und der Lions-Club einen Betrag bei.

„Ich hoffe, dass die Menschen auch in den nächsten 100 Jahren diesen wunderschönen Ort besuchen dem Frieden gedenken, um Kraft mitzunehmen, für den Frieden in der Welt aber auch bei uns einzutreten.“

Grußwort der Ortsvorsteherin

Ortsvorsteherin Ernestina Frick eröffnete ihr Grußwort mit einem Zitat von Emanuel Kant: „Frieden ist das Meisterstück der Vernunft.“ Das Wort Frieden sei an diesem Tag schon sehr oft gefallen, und das sei gut so. „Wir sollten viel mehr vom Frieden sprechen als vom Krieg. Es heißt, im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst, aber wie ist das, wenn wir Frieden schaffen wollen.“ Frieden schaffen zu wollen ohne die Wahrheit könne nicht gelingen. Kriege brechen nicht aus, sie haben immer eine Vorgeschichte. Frieden ist kein Selbstläufer, er muss erarbeitet werden. Ein besonders deutliches Zeichen seien die Städtepartnerschaften, in denen aus Feinden über die Versöhnung Freunde wurden, oder wie es Simon Crowcroft, Bürgermeister von St. Helier, bei seiner Rede am Heilig-Blut-Fest es ausdrückte: „Our Partnerschaft gets stronger and stronger.“

Frick ging auch auf die Friedensarbeit der Deutschen Kriegsgräberfürsorge für und mit internationalen Jugendlichen ein. Denkmäler für die gefallenen Soldaten, auch wenn sie keine Gesichter mehr hätten, seien Mahnmale. Am Volkstrauertag werde nicht nur der durch Kriege und Gewaltherrschaft ums Leben Gekommenen gedacht. Der Blick richte sich dabei nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch in die Gegenwart. Sie wünschte sich: „Möge uns der Frieden erhalten bleiben und wir in unserem Dorf keine neuen Namen von jungen Männern und Frauen in Stein gemeißelt aufstellen müssen.“

Mit einem musikalischen Frühschoppen und einem reichhaltigen Essen endete das Fest in der Festhalle.
Text und Fotos: Uli Gresser

Viele Bilder in der Galerie



Fotos: Uli Gresser

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