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Doppelausstellung zum 70-Jahr-Jubiläum der Narrenzunft Nibelgau

Geschichte und Geschichten, Masken und Häser



Foto: Foto: Herbert Eichhorn
Anfangs waren die Masken der Stadthexen aus Gips und ihre Kostüme wurden aus Stoffresten zusammengeflickt.

Leutkirch – Natürlich kennt man sie, die Traditionsgruppen der Leutkircher Fasnet: Stadthexen, Grüne Hexen, Katzen und alle anderen. Über ihre Geschichte und die der hiesigen Fasnet im Allgemeinen erfährt man nun viel Interessantes in der Doppelausstellung zum 70-jährigen Jubiläum der Narrenzunft Nibelgau in der Kreissparkasse und im Kornhaus.

Das „Dreigestirn“ der Leutkircher Fasnet, also Grüne Hexe, Katze und Stadthexe, zwíschen den beiden Machern der Ausstellung Herbert Mayer (links) und Präsident Thomas Blum. Foto: Herbert Eichhorn

Auch eine Werkschau von Herbert Mayer

In der Kreissparkasse wird vor allem die Geschichte der Leutkircher Narrenzunft thematisiert. Im Kornhaus wird dann unter dem Motto „Maske und Häs“ genau das gezeigt: Masken und Kostüme von 30 Zünften aus der Region Allgäu des Alemannischen Narrenrings. Die Doppelausstellung ist aber gleichzeitig auch so etwas wie eine Werkschau von Herbert Mayer, der 19 Jahre lang Brauchtumsmeister des Alemannischen Narrenrings war. Als solcher hat er zum Beispiel für viele Gruppen neue Figuren entwickelt und für sie Masken und Häser entworfen. So war er an der Schaffung von rund der Hälfte der im Kornhaus präsentierten Figuren beteiligt und hat damit die Fasnet der Region entscheidend mitgeprägt. Darüber hinaus hat er mit seinen Aquarellmalereien zahllose Plakate für die Ringtreffen des Verbandes und für andere Anlässe geschaffen. Die Ausstellung zeigt viele Originalentwürfe für diese Plakate sowie weitere seiner Malereien mit Themen aus der Fasnet. Zusammen mit Thomas Blum, dem Präsidenten der Nibelgauer, hat er nun dieses Ausstellungsprojekt auf die Beine gestellt.

Auch die Figur des Berengar aus der Bergatreuter Fasnet hat Herbert Mayer entworfen. Foto: Herbert Eichhorn

Straßenfasnet und Hallenfasnet

Es ist natürlich nicht so, dass es vor der Gründung der Narrenzunft Nibelgau im Januar 1956 in Leutkirch keine Fasnet gegeben hätte. Aber damals wurden unterschiedliche Stränge zu dem zusammengeführt, was die fünfte Jahreszeit in Leutkirch bis heute im Wesentlichen ausmacht. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und nach den kargen Nachkriegsjahren hatte, wie in vielen Städten, auch in Leutkirch die Fasnet einen enormen Aufschwung genommen. Die Straßenfasnet hatte dabei vor allem in der sogenannten Unterstadt ihre Hochburg. Dort entstanden auch die ersten der Gruppen, die noch heute den Kern der Zunft bilden, die Stadthexen und die Katzen. Um die eher bürgerliche Hallenfasnet kümmerte sich dagegen der Sportverein, vor allem dessen Fechtabteilung. Der Sportlerball war deswegen damals auch d a s gesellschaftliche Ereignis der Leutkircher Ballsaison.

Einer der Originalentwürfe für Plakate, die in den beiden Ausstellungsteilen gezeigt werden. Foto: Herbert Eichhorn

Entwicklungen

In der Kreisparkasse kann der Besucher nun anhand von vielen Figurinen mit Maske und Häs, aber auch anhand von zahlreichen Dokumenten – vom Plakat über den Jahresorden bis zur Umzugsplakette – die Entwicklung der neuen Zunft und damit überhaupt der Leutkircher Fasnet nachverfolgen. Über die Jahre werden immer wieder neue Gruppen geschaffen. Andere Gruppen entstehen zunächst außerhalb des Vereins und werden dann später aufgenommen. So gründen zum Beispiel einige Schüler 1960 die Grünen Hexen. Ihren Masken sieht man es heute noch an, dass sie ursprünglich aus Pappmaschee geformt wurden. Auch die Masken der Stadthexen waren anfangs nicht aus Holz, sondern aus Gips und ihre Kostüme wurden aus alten Stoffresten zusammengeflickt. Überhaupt wurde vieles nach und nach weiterentwickelt und verändert.

So sah die Leutkircher Fasnetsfigur der Katze in den 1950-er Jahren aus. Foto: Herbert Eichhorn

Kostüme werden mit der Zeit verändert

Auch die Katzen sahen zunächst vollkommen anders aus. Diese Gruppe gab natürlich darüber hinaus den Anstoß zum hiesigen Narrenruf: „Hoorig, hoorig, hoorig isch die Katz und, wenn die Katz it hoorig isch, dann fängt sie keine Mäuse nicht!“ Und dass bei den Umzügen der Elferrat in einem Wagen in Form einer großen schwarzen Katze fährt, hat natürlich auch hierin seinen Grund. Für manche Kostüme wurden im Lauf der Zeit – zum Teil unter Mitwirkung des Trachtenexperten Jürgen Hohl – historische Vorbilder aufgegriffen. So tritt der Zunftrat zum Beispiel heute in Tracht auf. Auch der Elferrat trägt heute nicht mehr wie früher die – wie so vieles – vom rheinischen Karneval übernommene Komiteemütze, sondern eine Art Landsknechtstracht. Die typische rheinische Karnevalsmütze trägt in der Leutkircher Fasnet nur noch der Prinz.

Über die Jahre entstanden auch immer wieder neue Veranstaltungsformate. Seit 2010 gibt es zum Beispiel die Narrentaufe und im letzten Jahr wurde erstmals ein Weiberstraßenfest in der Leutkircher Innenstadt organisiert.

Die Narrenzeitung „Leutkircher Stadtbrille“ war im 19. Jahrhundert legendär. Foto: Herbert Eichhorn

Narrenzeitungen und ein Stargast

Aber es geht auch manches verloren. Zum Beispiel macht sich heute niemand mehr die Mühe, eine Narrenzeitung zusammenzustellen, in der die Ereignisse des abgelaufenen Jahres aufs Korn genommen werden. Diese aufwändig gemachten Blättchen, die teilweise der regulären Tageszeitung beilagen, gehörten lange Zeit unverzichtbar zur Fasnet. In der Ausstellung liegen zwei schöne Beispiele zum Durchblättern aus: eine Zeitung aus dem Jahr 1939 und ein Exemplar der einst legendären „Leutkircher Stadtbrille“ aus dem 19. Jahrhundert. Auch die Ballsaison ist heute nicht mehr so opulent, wie sie gerade in den ersten Jahrzehnten der Nibelgau-Zunft war. 1956 hatte man zum Beispiel die berühmte Opernsängerin und populäre Filmschauspielerin Renate Holm als Patin für die Leutkircher Fasnet gewinnen können. Heute sind dagegen einst äußerst beliebte Veranstaltungsformate wie etwa der Lumpenball oder der Hofball verschwunden. Die das jeweilige Jahresmotto aufgreifenden prächtigen Dekorationen der Stadthalle sind bis heute ein Markenzeichen der Leutkircher Fasnet. Allerdings wurde auch hier anfangs ein ungeheurer Aufwand getrieben, der heute nicht mehr zu leisten wäre.

Der Clou der Ballsaison 1956: Opernsängerin und Filmstar Renate Holm war Patin der Leutkircher Fasnet. Foto: Herbert Eichhorn

Die Fasnetsfiguren der Region

Wenn der Besucher sich in der Ausstellung in der Kreissparkasse ausgiebig mit Geschichte und Geschichten der Leutkircher Fasnet beschäftigt hat, dann sollte er anschließend auf jeden Fall im Kornhaus noch eintauchen in die fantasievolle Welt der Fasnetsfiguren der Region. Weil immer wieder neue Narrenvereine entstehen, wird diese Jahr für Jahr bunter und vielfältiger. Die jüngste Schöpfung, die es in der anregenden Präsentation zu sehen gibt, ist ein Krähen-Häs für die neue Narrenzunft in Diepoldshofen. Neben den verschiedenen Hexengestalten und den weit verbreiteten Flecklesgewändern sieht man in der Ausstellung überhaupt immer wieder Tierkostüme. Am bekanntesten sind dabei sicher die bunten Kühe aus Isny.

Blick in die Ausstellung im Kornhaus. Foto: Herbert Eichhorn

Schwellköpfe und Masken aus Brotteig

Andere Figuren beziehen sich auf Personen oder Geschehnisse aus der Geschichte der jeweiligen Gemeinde. So leitet sich etwa die Figur des Berengar, die Herbert Mayer 1993 für die Narrenzunft in Bergatreute entwarf, von einer historischen Gestalt des 16. Jahrhunderts her. Aber man begegnet auch Überraschendem. So gibt es zum Beispiel in Gebrazhofen eine Gruppe von großen Schwellköpfen, die Gebrazhofer Dickköpfe. Die Anregung für solche Figuren kam ursprünglich vom Karneval in Nizza. Und in Bodnegg sind die Masken weder aus Holz noch aus Gips oder Pappmachee, sondern werden aus Brotteig gebacken.

In Bodnegg werden die Fasnetsmasken aus Brotteig geformt. Foto: Herbert Eichhorn

Es gibt also viel zu entdecken sowohl in der Masken- und Häs-Schau im Kornhaus als auch in der historischen Ausstellung in der Kreissparkasse. Es verwundert daher nicht, dass Herbert Mayer beim Gang durch die Ausstellung berichtet, dass sich bei ihm die Anmeldungen von Gruppen und Schulkassen für Führungen derzeit buchstäblich stauen.
Herbert Eichhorn

In der Bildergalerie gibt es weitere Impressionen aus den beiden Ausstellungen.
Fotos: Herbert Eichhorn.

Ausstellung „70 Jahre NZ Nibelgau“

Bis 22. Februar 2026
Kreissparkasse, Untere Grabenstraße 40, Leutkirch
Montag, Dienstag, Freitag 9.00 bis 12.15 Uhr und 14.00 bis 16.00 Uhr
Mittwoch 9.00 bis 12. 15 Uhr
Donnerstag 9.00 bis 12.15 Uhr und 14.00 bis 18.00 Uhr

Ausstellung „Maske und Häs“

Bis 22. Februar 2026
Kornhaus Leutkirch
Montag 9.00 bis 18.00 Uhr
Mittwoch 14.00 bis 18.00 Uhr
Donnerstag 10.00 bis 12.00 Uhr und 14.00 bis 19.00 Uhr
Freitag 14.00 bis 18.00 Uhr
Samstag 10.00 bis 12.00 Uhr

Anmeldungen für Führungen sind möglich unter Telefon 07563 / 683.

Fotos: Herbert Eichhorn

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