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Leserbrief

Realitätsfern und bevormundend



Zur Aktion „Gefahren von Elterntaxis“ durch die Landesverkehrswacht Baden-Württemberg e.V., die Unfallkasse BW sowie das Land Baden-Württemberg:

Mit großem medialem Aufwand wirbt das Land Baden-Württemberg derzeit mit Bannern und Aktionen gegen sogenannte „Elterntaxis“. Auch vor dem Schulzentrum Kißlegg (WRS und RS) hängt nun ein solches Banner. Was landesweit gut gemeint sein mag, wirkt vor Ort jedoch wie eine realitätsferne und bevormundende Maßnahme, die die tatsächlichen Gegebenheiten in keiner Weise berücksichtigt.

Die Kampagne appelliert pauschal an Eltern, ihre Kinder zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem ÖPNV zur Schule zu schicken. In Kißlegg sind diese Alternativen jedoch für viele Familien schlicht nicht praktikabel. Rund die Hälfte der Schüler kommt aus dem Umland. Für diese Kinder ist der Schulweg zu Fuß unrealistisch. Der Busverkehr ist für inzwischen überteuert. Und das Fahrrad? Wer die Verkehrssituation in und um Kißlegg kennt, weiß, dass diese Option angesichts fehlender Radwege, hohem Verkehrsaufkommen und teilweise aggressivem Fahrverhalten keine sichere Alternative darstellt.

Diese Eltern handeln nicht aus Bequemlichkeit oder Gedankenlosigkeit, sondern aus Verantwortung. Sie bringen ihre Kinder mit dem Auto zur Schule, weil sie die bestehenden Risiken realistisch einschätzen – und weil ihnen oft keine zumutbare Alternative bleibt. Ihnen nun mit moralischem Zeigefinger zu begegnen und sie pauschal als Teil eines Problems darzustellen, ist unangebracht und respektlos.

Wenn Politik und Verbände es ernst meinen mit Verkehrssicherheit und eigenständiger Mobilität, dann müssen zuerst die Voraussetzungen geschaffen werden: sichere Radwege, bezahlbarer und zuverlässiger ÖPNV sowie durchdachte Schulwegkonzepte, die auch den ländlichen Raum einbeziehen. Banner ersetzen keine Infrastruktur.

Eine landesweite Kampagne, die lokale Besonderheiten ignoriert, ist keine Hilfe, sondern eine unvergleichliche Bevormundung. Wer Verantwortung von Eltern einfordert, sollte zuvor selbst Verantwortung übernehmen – für realistische, sichere und bezahlbare Lösungen vor Ort.
Martina Kaiser, Kißlegg

Anm. d. DBSZ-Red.: Leserbriefe sind Meinungsäußerungen. Die Redaktion der Bildschirmzeitung akzeptiert ein breites Spektrum an Meinungen. Nicht veröffentlich werden extremistische, persönlichkeitsverletzende oder offensichtlich wahrheitswidrige Äußerungen.

Bevorzugt veröffentlichen wir Leserbriefe / Offene Briefe / Stellungnahmen zu lokalen und regionalen Themen. Aber auch Meinungsäußerungen zu allgemeinen Themen, die die hiesige Leserschaft bewegen, werden gerne entgegengenommen.




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