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Überzeugender Mix von Geschichte und zeitgenössischer Kunst

Große Leutkircher Sommerausstellung zum Bauernkriegsjubiläum



Foto: Herbert Eichhorn
Blick in die Ausstellung im Gotischen Haus. An der Stirnwand zwei Gemälde von Sabine Tress.

Leutkirch – Das 500-Jahr-Jubiläum des Bauernkriegs beschert auch gerade unserer Region eine wahre Flut von Veranstaltungen, etwa historische Ausstellungen, Theaterprojekte, Vorträge oder Konzerte. Nun meldet sich Leutkirch mit einem ganz besonderen Projekt zu Wort.

Gute Stimmung bei der Eröffnung im Innenhof

Bei der Eröffnung am letzten Samstag (24.5.) hatten sich im Hof zwischen Gotischem Haus und Museum im Bock viele gut gelaunte Besucher eingefunden. Dass es dann mit der Lautsprechertechnik leider ziemlich haperte, tat der erwartungsvollen Stimmung keinen Abbruch. Zunächst begrüßte Bürgermeister Dr. Daniel Gallasch und dankte allen Beteiligten: dem Galeriekreis, der Heimatpflege, dem Grafiker und schließlich dem Bläserensemble „MKD-brass-5“, das die Veranstaltung beschwingt musikalisch umrahmte. Der Bürgermeister hob vor allem das Alleinstellungsmerkmal des Leutkircher Projekts hervor, nämlich das Zusammenspiel von regionaler Geschichte und moderner Kunst.

Ausstellungseröffnung am 25. Mai im Innenhof; Foto: Herbert Eichhorn

Für die Gesellschaft Oberschwaben sprach dann Dr. Maximilian Eiden, Leiter der Kulturhäuser des Landkreises. Er betonte die wichtige Rolle der Region in der Geschichte des Bauernkrieges. Er erläuterte die Bedeutung der berühmten, in Memmingen formulierten Zwölf Artikel und wies darauf hin, dass der Ausstellungstitel „Frei wollen wir sein“ aus diesen stamme. Eiden berichtete außerdem, dass die Gesellschaft Oberschwaben neben der Leutkircher Ausstellung im Jubiläumsjahr noch rund 60 weitere Projekt finanziell fördere.

Das Konzept des Galeriekreises

Schließlich erläuterte Otto Schöllhorn, der Sprecher des Galeriekreises Leutkirch, das Konzept der Ausstellung. Der Galeriekreis hatte sehr viele bildende Künstler, vor allem aus dem süddeutschen Raum, angeschrieben, bei denen er sich vorstellen konnte, dass sie das Thema Bauernkrieg eventuell interessieren könnte. Darunter waren auch alte Bekannte, also Künstlerinnen und Künstler, die schon früher in Leutkirch ausgestellt haben. Es gab vor allem positive Reaktionen. Viele seien, so berichtet Schöllhorn, regelrecht gepackt gewesen von der Thematik. Alles in allem sind nun rund 70 Arbeiten von 38 Kunstschaffenden zu sehen. Das Spektrum des Gebotenen reicht dabei von klassischer Skulptur und Malerei bis zu unterschiedlichsten Installationen. Insgesamt kam zu der originellen, aber eben auch schwierigen Thematik fast so etwas wie ein spannendes, kleines „Who is who“ der süddeutschen Kunstszene zusammen.

Flugschriften

Roland Hess von der Druckwerkstatt des Museums erklärte dann noch kurz die Aktion, die er sich zum Abschluss ausgedacht hatte. Er verwies darauf, dass der Aufstand der Bauern eben auch ein Ergebnis der Medienrevolution der Erfindung des Buchdrucks gewesen ist. Die massenhafte Verbreitung der Ideen der Reformation und des Bauernaufstands durch Gedrucktes machte eine solche, in dieser Breite bisher nicht gekannte Volksbewegung überhaupt erst möglich. In seiner kleinen Performance wurde der Begriff Flugschrift dann ganz wörtlich genommen: In der Druckwerkstatt fabrizierte Flugblätter, die zu Papierfliegern gefaltet worden waren, segelten über das erheiterte Publikum hinweg.

Blick in die Ausstellung im Museum im Bock; Foto: Herbert Eichhorn

Geschichtliche Fakten im Museum im Bock

Die Ausstellung wird gezeigt im Museum im Bock, im Gotischen Haus und auf den Freiflächen dazwischen. Für den Blick zurück, für die geschichtlichen Fakten ist natürlich das Museum zuständig, wo man seinen Rundgang am besten beginnt. Einem Autorenteam der Heimatpflege und dem Grafiker Marc Brandner ist hier eine spannende Präsentation gelungen, die sich zwischen den vielen historischen Ausstellungen im Allgäu und in Oberschwaben – unter anderem in Memmingen, Bad Schussenried, Wolfegg – gut behauptet. Natürlich werden auch hier wieder die wichtigsten Eckdaten des Aufstands wie die Zwölf Artikel oder der Weingartener Vertrag angesprochen. Aber daneben erfolgt sozusagen eine gründliche lokale Tiefenbohrung, die Leutkirch und die enge Umgebung in den Blick nimmt.

Pfaff Florian

Die relative Unabhängigkeit der sogenannten Freien Bauern auf der Leutkircher Heide wird selbstverständlich angesprochen. Besonders interessant wird es dann aber bei drei Geistlichen, an deren Lebensgeschichte auch noch einmal die Bedeutung der Reformation für die Erhebung der Bauern deutlich wird. Da ist zum einen Florian Greisel, der Pfarrer von Aichstetten – bis heute vor allem unter dem abwertenden Spottnamen Pfaff Florian bekannt. In seinen Predigten vertrat er die Ideen Martin Luthers. Die Bauern, die sich an Karfreitag 1525 bei Wurzach dem Heer des Schwäbischen Bundes unter Georg Truchsess von Waldburg, dem Bauernjörg, entgegenstellten, wählten ihn zu ihrem Hauptmann. Nach der Niederlage gelang Greisel die Flucht in die Schweiz. Damit entging er dem Schicksal vieler anderer Pfarrer auf der Seite der Aufständischen, die besonders konsequent verfolgt und meistens hingerichtet wurden.

Blick in die Ausstellung im Museum im Bock. Rechts ein Gemälde von Dieter Konsek; Foto: Herbert Eichhorn

Matthias Waibel und Johannes Fabri

Ein Theologe, der die Gnadenlosigkeit der Obrigkeit besonders zu spüren bekam, war Matthias Waibel. Ursprünglich Vikar an der Stiftskirche St. Lorenz in Kempten, hatte er sich der Lehre Martin Luthers zugewandt und wurde im Allgäu einer ihrer wichtigsten Verfechter. Als Rädelsführer des Bauernaufstandes denunziert, ließ ihn der Bauernjörg in einen Hinterhalt locken. Schwerverletzt wurde er im Unteren Tor in Leutkirch gefangen gesetzt, wo er aus dem Fenster noch gepredigt haben soll. Nach zwölf Tagen Haft wurde er schließlich vom Scharfrichter des Truchsessen in der Nähe von Reichenhofen erhängt.

Mit dem aus Leutkirch stammenden Theologen Johannes Fabri ist aber auch die Gegenpartei vertreten. Auch Fabri engagierte sich bei der mitleidlosen Verfolgung von Geistlichen, die sich den Bauern angeschlossen hatten, und konnte außerdem als einflussreicher Bischof von Wien bis zu seinem Tod im Jahre 1541 verhindern, dass die Reformation in seiner Heimatstadt Fuß fasste.

Kunst im Museum im Bock

Auch im Museum Bock gibt es zwischen den auf eleganten schmalen Tafeln präsentierten Fakten viel zeitgenössische Kunst. Im Gegensatz zum Gotischen Haus überwiegen hier allerdings die klassischen Kunstgattungen Malerei und Skulptur. Stilistisch bietet sich ein breites Spektrum. Wolfgang Henning (Karlsruhe, Leutkirch) ist mit einem seiner typischen Aufmärsche grotesker Gestalten vertreten. Gezielt für das Leutkircher Ausstellungsprojekt entstanden sind wahrscheinlich die Gemälde von Dieter Konsek (Wilhelmsdorf) und Ulrike Hüppeler (Amtzell). Während er in seinem Großformat Motive aus der Druckgrafik der Bauernkriegszeit aufgreift, thematisiert sie die Protestbewegungen unserer Zeit.

Die 7b der Otl-Aicher-Realschule

Keinesfalls übersehen sollte man die ebenfalls im Museum im Bock präsentierten Ergebnisse eines außergewöhnlichen Projekts der otl-aicher-realschule. Die Klasse 7b hat die Zwölf Artikel der Bauern – ganz in Aicherscher Manier – in große Piktogramme umgesetzt. Mit großem Vergnügen blättert man die in einem Holzständer präsentierten Schülerarbeiten durch.

Stahlskulpturen und Tuschemalerei von Jörg Bach; Foto: Herbert Eichhorn

Wieder wunderschöne Künstler-Räume im Gotischen Haus

Der zweite Teil der Ausstellung, der exklusiv der Kunst gewidmet ist, wird im Gotischen Haus gezeigt – und damit in einem der spektakulärsten Ausstellungsorte zwischen Donau und Bodensee überhaupt. Auch in dieser Ausstellung gelingen hier wieder wunderschöne Räume. Einige Künstlerinnen und Künstler haben aus ihren Beständen Arbeiten ausgesucht, die ihnen zur vorgegebenen Thematik passend erschienen. Martina Geist (Ostfildern-Kemnat) steuert zum Beispiel einige ihrer neuesten bemalten Holzstöcke bei. Von Heiko Herrmann (München) – unvergessen seine Ausstellung vor zwei Jahren – ist ein für seine Verhältnisse leichthändiges, eher an eine Zeichnung erinnerndes Gemälde zu sehen. Jörg Bach (Mühlheim) zeigt eine sehr stimmige Gruppe schwarz eingefärbter Stahlskulpturen und Tuschemalereien. Obwohl seine Formensprache ungegenständlich ist, meint man doch hier Bilder der geschundenen menschlichen Kreatur zu sehen. Diese war definitiv das Thema des 2019 verstorbenen Malers Raimund Wäschle (Waldburg). Seine erdigen Leinwandbahnen fügen sich sehr schlüssig in die im Rohzustand belassenen Räume.

Blick in die Ausstellung im Gotischen Haus. An der Stirnwand Arbeit von Doris Fend; Foto: Herbert Eichhorn

Rauminstallationen

Am attraktivsten sind vielleicht dann aber doch diejenigen Kunstwerke, die gezielt für diese Ausstellung und gezielt für die besonderen Räume des gotischen Hauses entstanden sind, darunter viele Rauminstallationen. Einige Künstler haben einen Raum exklusiv für sich und bespielen diesen wie zum Beispiel Daniel Erftle (Emmingen-Liptingen) oder Lucia Thanner (Isny) mit einer einzigen Arbeit. Ein besonders ansprechender Beitrag kommt aus Vorarlberg. Doris Fend (Götzis) nutzt eine der wenigen glatt verputzten Wände im Gotischen Haus für eine Art Wandzeichnung mittels eines roten Seils. „Zorn 1525 in 25 m Seil“, so der Titel, fasst in ein paar wenigen reduzierten Motiven – Flammen, Fahne, Spieß, Blutlache – die Dramatik der historischen Ereignisse sinnfällig zusammen.

Florian Rautenberg, „Der Wahrheit bunter hauffen“; Foto: Herbert Eichhorn

Künstler aus der engeren Region

Einige der originellsten Beiträge kommen von Künstlern der engeren Region. Eher meditativ und doch irgendwie spektakulär ist etwa die Installation „Wellengang“ von Ricarda Wallhäuser und Stefan Winkler (beide Leutkirch). In einem abgedunkelten Raum werden Zeichnungen in eine mit Wasser gefüllte Zinkwanne projiziert. Den Gegensatz zu diesem Minimalismus bilden gewissermaßen die beiden Rauminstallationen von Florian Rautenberg (Legau). Für seine Rauminstallation „Der Wahrheit bunter hauffen“ hat er unterschiedlichste Materialien wie kleine farbig bemalte Skulpturen, kleine Tuschzeichnungen, aber auch Geschriebenes mitgebracht. Vor Ort hat er dann die ganz unterschiedlichen Elemente zu einem rätselhaften, poetisch verspielten Ensemble arrangiert.

Dorothea Schrade, „Auf dem Schlachtfeld blüht rot der Mohn“; Foto: Herbert Eichhorn

Das große Sterben als Thema

Den historischen Ereignissen, vor allem dem tragischen Scheitern der Aufständischen, dem hohen Blutzoll, den die die Bauern entrichten mussten, wenden sich schließlich Erwin Roth (Leutkirch) und Dorothea Schrade (Leutkirch) zu. In Roths ungegenständlichem großem Leinwandbild „Den Namenlosen gewidmet“ erkennt man erst auf den zweiten Blick die eng nebeneinander aufgereihten kleinen Kreuze. Sie stehen für das große Sterben, das der Bauernkrieg – mit wahrscheinlich fast 100.000 Toten – eben auch war. Konkreter wird Dorothea Schrade. Ihr Ölgemälde „Auf dem Schlachtfeld blüht rot der Mohn“ zeigt genau das, was der Titel beschreibt. Am unteren Bildrand zeigt die Malerin dann aber die – etwa auf der Wurzacher Bleiche – verscharrten Knochen und die Schädel der Besiegten.

Die Leutkircher Doppelausstellung „Frei wollen wir sein. Moderne Kunst und das Jahr 1525“ ist ein ungewöhnliches Projekt im großen Reigen der Veranstaltungen in diesem Jubiläumsjahr. Der Mix von historischer Ausstellung mit den so vielfältigen Statements von zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern überzeugt. Die Schau, für die man sich Zeit nehmen sollte, gibt dem Besucher einiges mit zu denken auf den Weg und das ist doch das, was man sich von so einer Ausstellung vor allem erhofft.
Herbert Eichhorn

Nachstehend in unserer Bildergalerie weitere Impressionen von der Eröffnungsveranstaltung und aus den Ausstellungen im Museum im Bock und im Gotischen Haus. (Fotos: Herbert Eichhorn)

Infos

„Frei wollen wir sein. Moderne Kunst und das Jahr 1525“
Museum im Bock und Galerie im Gotischen Haus Leutkirch
24. Mai bis 5. Oktober 2025

Galerie im Gotischen Haus
Montag bis Freitag 9.00 bis 12.00 und 14.00 bis 17.00 Uhr

Museum im Bock
Dienstag bis Donnerstag 14.00 bis 17.00 Uhr
Erster Samstag im Monat 13.00 bis 17.00 Uhr
Sonn- und Feiertage 13.00 bis 17.00 Uhr

Gemeinsame Öffnungszeiten
Dienstag bis Donnerstag 14.00 bis 17.00 Uhr
Erster Samstag im Monat 14.00 bis 17.00 Uhr
Sonn- und Feiertage 14.00 bis 17.00 Uhr



Fotos: Herbert Eichhorn

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